Lesermeinung : Lechts und Rinks alles gleich - Alles TTIP alles Tofu?

Sebastian Haunss, Mitautor der Teilnehmerbefragung der "Stop TTIP"-Demonstration", antwortet in seiner Replik auf den Beitrag “Wagt bloß nicht, meiner Meinung zu sein!” von Christoph von Marschall. Was denken Sie? Diskutieren Sie mit!

Sebastian Haunss
In Deutschland, wie hier in Berlin, ist der Protest gegen TTIP besonders stark ausgeprägt.
In Deutschland, wie hier in Berlin, ist der Protest gegen TTIP besonders stark ausgeprägt.Foto: imago

In seinem Meinungsbeitrag, der mit dem Titel “Wagt bloß nicht, meiner Meinung zu sein!” am 10.11. im Tagesspiegel veröffentlicht wurde, verweist Christoph von Marschall prominent auf die Befragung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der “Stopp TTIP”-Demonstration, deren Mitautor ich bin. Dabei berichtet er über angebliche Ergebnisse unserer Studie in einer Weise, die ich nur als bewusste Irreführung der Leser und Leserinnen interpretieren kann, mit dem Ziel, seine These der ideologischen Nähe zwischen Rechts und Links zu untermauern. Unsere Ergebnisse würden angeblich zeigen, dass “die Vergleichbarkeit [der TTIP-Proteste] mit rechten Bewegungen und die Überschneidungen mit rechtem Gedankengut offensichtlich” sei.

Keine signifikante Beteiligung Rechter festgestellt

Das Gegenteil ist der Fall! Unsere Studie (bei der wir im Übrigen sehr wohl davon ausgehen, dass sie das Spektrum der auf der Demonstration anwesenden Personen recht genau abbildet) zeigt ganz eindeutig, dass die vor der Demonstration geäußerten Spekulationen über eine signifikante Beteiligung Rechter an den TTIP-Protesten jeder Grundlage entbehrte. Trotz vereinzelter Aufrufe aus dem AfD und Pegida-Spektrum hat tatsächlich nur eine sehr kleine Zahl an Personen aus diesem Spektrum an der Demonstration teilgenommen. Woher wir das wissen? Weil wir in der Umfrage insgesamt vier Fragen gestellt haben, um genau diesen Aspekt zu überprüfen: Erstens haben wir die Demonstranten und Demonstrantinnen nach ihrer politischen Selbstverortung gefragt. Nur 1,5 % ordnen sich politisch rechts der Mitte ein.

Zweitens haben wir die klassische Sonntagsfrage gestellt. Hier kommt die AfD auf 3 % und die NPD auf 0,3 %. Drittens haben wir nach Bereichen politischen Engagements und viertens nach vorherigen Demonstrationsteilnahmen gefragt. Und hier zeigt sich, dass es genau die Wähler und Wählerinnen der rechten Parteien sind, die an den Pegida-Demonstrationen teilgenommen haben und die auch die große Mehrheit derer stellen, die nationale Identität als Feld politischen Engagements angegeben haben. Für die Linken dagegen spielt das Thema nationale Identität nur eine marginale Rolle. Stattdessen sind sie vor allem in den Bereichen Umweltschutz, Frieden, Migration und Menschenrechte engagiert.

Rechte und Linke lassen sich also bei der TTIP-Demonstration recht klar voneinander unterscheiden – sowohl hinsichtlich ihrer Einstellungen als auch hinsichtlich ihrer Handlungen. Darüber hinaus zeigen unsere Daten, dass – im Unterschied zu Pegida und den “Montagsmahnwachen für den Frieden” – bei der TTIP-Demonstration gerade nicht Männern deutlich überrepräsentiert waren und die Demonstration auch hinsichtlich der Altersstruktur ein recht gutes Abbild der Bevölkerung  liefert.

Großer Prozentsatz der Demonstranten mit Vertrauen in mediale Berichterstattung

Auch wenn es sicherlich stimmt, dass das Handelsabkommen TTIP sowohl von Linken als auch von Rechten abgelehnt wird, so zeigen doch die Ergebnisse unserer Umfrage, dass Personen mit rechter Gesinnung und deren Themen bei der TTIP-Demonstration höchstens eine marginale Rolle gespielt haben und daher mit Verweis auf die Umfrage gerade nicht auf eine weitergehende Übereinstimmung zwischen Rechts und Links geschlossen werden kann. Die Demonstrationsbefragung liefert bisher das einzige empirisch abgesicherte Wissen über die Trägerinnen und Träger des TTIP-Protests, die im Übrigen zu einem bemerkenswert hohen Prozentsatz (71 %) angeben, Vertrauen in das Zeitungswesen zu haben und damit einen wohltuenden Gegenpol zum „Lügenpresse“-Slogan bei Pegida bilden. Diesem Vertrauen sollte aber auch die Berichterstattung dadurch gerecht werden, dass sie die Interpretation der Ergebnisse unserer wissenschaftlicher Untersuchungen nicht so weit verbiegt, dass sie zwar der eigenen Meinung aber nicht mehr den tatsächlichen Ergebnissen entsprechen.

Diese Lesermeinung ist eine Antwort auf diesen Text von unserem Autor Christoph von Marschall.

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