Lesermeinung: : Reformiert den Kinderschutz!

Anett Radinger hat als Erzieherin mit misshandelten Kindern gearbeitet. Ihr Fazit nach zwei Jahren in der Jugendpflege: Der Kinderschutz in Deutschland entspricht oft nicht den Bedürfnissen der Opfer und muss dringend reformiert werden.

Annett Radinger
Der Kinder- und Jugendschutz in Deutschland muss reformiert werden, findet unsere Leserin Annett Radinger .
Der Kinder- und Jugendschutz in Deutschland muss reformiert werden, findet unsere Leserin Annett Radinger .Foto: DPA

Die Äußerungen von Frau Dr. Conen in ihrer Anfrage an Frau Fetscher lassen vermuten, dass sie nicht weiß, von wem sie spricht, wenn sie die Zahl der getöteten Kinder bagatellisiert und herunterspielt, indem sie darauf hinweist, dass es eine seit 20 Jahren gleichbleibende Anzahl ist und somit bestehende Hilfen offensichtlich als ausreichend empfindet. Mir geht es da anders: Ich habe etwa zwei Jahre als Erzieherin bei einem dieser zahlreichen „Freien Träger der Jugendhilfe“ in Berlin gearbeitet. Dort habe ich viele Kinder persönlich kennen gelernt, die nach schwersten Misshandlungen, Vernachlässigungen sowie Missbrauch in Obhut genommen und in „Kurzzeitpflege“ bei angestellten Erzieherinnen und deren Familien betreut wurden.

Mein Eindruck ist, dass das bestehende System der Jugendhilfe einer grundlegenden Veränderung bedarf, um den Kindern, die in ihren Familien massiver körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt werden, langfristige Hilfen zukommen zu lassen und sie vor Gefahren, die häufig tödlich enden zu bewahren. Die Kinder, die in Obhut genommen werden, können sich in ihren Pflegefamilien vom Erlebten erholen, Bindungen eingehen, Beziehungen aufbauen und oftmals erstmalig im Leben Vertrauen entwickeln. Laut Homepage meines ehemaligen Arbeitgebers ist der „Kinderschutz“ das Hauptanliegen dieser Einrichtung in der Kinder von 0 bis 6 Jahren stationär betreut werden. Dieser eigene Anspruch wird aber nicht erfüllt. Auch sind die verbesserten Lebensbedingungen der Kinder während der Unterbringung in der Pflegestelle in keiner Weise verlässlich.

Viele der aufgenommenen Kinder haben in ihrer Familie Erfahrungen machen müssen, von denen sich manch einer kein Bild machen kann und möchte. Trotzdem werden sie regelmäßig und zum Teil mehrmals in der Woche Ihren Peinigern in „Umgangskontakten“ ausgesetzt.

Es ist bei dem Leitungsteam der Einrichtung die vorherrschende Meinung, dass alle Kinder ihre Eltern als die wichtigsten Menschen in ihrem Leben ansehen und daher Beziehungen zur Herkunftsfamilie aufgebaut, gefestigt oder zumindest beibehalten werden müssen. Von den betreuenden Erzieherinnen protokollierte Auffälligkeiten im Verhalten der Kinder im Anschluss an diese „Besuchskontakte“, die deutlich machen, wie sehr die Kinder unter den Kontakten zur Herkunftsfamilie leiden, werden von der Einrichtungsleitung und ihren engsten Mitarbeiterinnen häufig ignoriert oder als unwahr bezeichnet. Auch werden ärztliche Gutachten zur kindlichen Verfassung hinausgezögert oder sogar verhindert. Mitarbeiterinnen, die sich gegen die Vorgehensweise auflehnen, werden „arbeitsrechtlichen Schritte“ angedroht, sie werden gemobbt, beleidigt und in ihren Fähigkeiten abqualifiziert.

 

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