Meinung : Lest Benedikt!

Idomeneo und der Islam: Der Papst weiß den Weg und weist ihn uns

Martin Lohmann

Manche haben immer noch nichts verstanden. Oder zumindest nicht genug. Die Absetzung des Mozartwerkes „Idomeneo“ vom Spielplan der Deutschen Oper Berlin beweist das. Nicht etwa aus Respekt vor den Gefühlen derer, denen Heiliges heilig ist, kneift man dort, sondern aus purer Angst vor Gewalt derer, die vielleicht nichts verstehen wollen. Denn trotz der stets betonten Freiheit der Kunst ist es nicht zwingend notwendig, die Schlussszene mit den abgehackten Köpfen von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed zu gestalten. Nicht die in aller Freiheit denkbare und souveräne Erkenntnis der Geschmacklosigkeit führte hier Regie, sondern pure Angst und eine Totalschere im Kopf. Sicherheitsbedenken gibt es, aber keine Qualitätsbedenken. Und so zwingt ein unausgesprochenes Unfehlbarkeitsdogma im Namen der Kunst eher zum Suizid statt zur selbstkritischen Reflexion.

Denen, die verstehen wollen und denen, die das Verstehen noch lernen können, erweisen solche Kapitulationen vor möglicher Gewalt und schließlich vor sich selbst einen denkbar schlechten Dienst. Zugleich ist eine derart von Souveränität und Besonnenheit befreite Panikreaktion ein Erfolg für jene, die jeden Vernunftgebrauch mit Terror verhindern wollen. Aber beim Streit um die Papstrede von Regensburg ging und geht es nach wie vor um etwas Kostbares und Wesentliches. Es geht um die Frage, welche Rolle die Vernunft im dritten Jahrtausend spielen soll und muss. Es geht auch um die Frage, wie sich Vernunft und Glaube miteinander vertragen. Und schließlich geht es um die Frage, ob es Gewalt im Namen Gottes geben darf und kann.

Auf seltsam unerleuchtete Weise können – das wissen wir nun – auch Künstler dokumentieren, dass Vernunftgebrauch gelegentlich zur Überforderung werden kann. Zugleich wird bestätigt, wie notwendig und überfällig gerade in einer auf halbem Wege stecken gebliebenen Aufklärung die unverkrampfte und scheuklappenfreie Begegnung von Glaube und Vernunft ist, so wie sie der Gelehrte auf dem Stuhl Petri mit feinster Sauberkeit will und einfordert. Denn die unbedingte Toleranz als Respekt vor dem, was anderen heilig erscheint, ist kein freiwilliger Zuckerguss über dem, was wir Freiheit nennen, sondern Voraussetzung und wesentlicher Bestandteil für Freiheit, Frieden und den Dialog der Kulturen.

Es mag kühn erscheinen, wird sich aber später einmal so zeigen: Ausgerechnet der katholische Pontifex, dessen Kirche sich in früheren Zeiten schmerzhaft schwer tat mit dem ein absolutistisches Kirchen-Staat-Gemisch zerreißenden Gedanken der aufgeklärten Freiheit, ausgerechnet dieser Petrusnachfolger ruft zur Aufklärung der Aufklärung auf. Letztlich gibt es für den Christen keinen Gegensatz zwischen Vernunft und Glaube, weil vielmehr die höchste Form einer erleuchteten Vernunft der im fleischgewordenen Logos verankerte Glaube ist. Gott als Inbegriff der reinen Vernunft lässt seine Geschöpfe Anteil nehmen an seiner Vernunft. So gesehen ist Benedikt XVI. ein brillanter Revolutionär des Geistes.

Das macht das Verhältnis des Christentums zum Islam nicht einfacher, aber klarer. Gerade für die katholische Kirche und erst recht für diesen Papst gilt, dass es keinen Zweifel am Respekt gegenüber der islamischen Religion geben kann. Judentum, Christentum und Islam sind besonders aufeinander bezogen, nicht zuletzt, weil Abraham allen als Urvater des Glaubens gilt. Dabei sind Juden und Christen theologisch eng miteinander verwandt, Christen und Muslime jedoch nicht.

Und weil dem Islam, dessen Geschichtsverständnis sich vom jüdisch-christlichen und seiner Offenheit für Entwicklung und Moderne grundlegend unterscheidet, gleichsam wesentliche historische Erfahrungen wie etwa die Aufklärung fehlen, gibt es dort in vielen seiner Strömungen und Ausformungen keinen positiven Zugang zu dem, was mit Toleranz, Religions- und Gewissensfreiheit gemeint ist. Welches Gottesbild hat wer? Wie viel Erkenntniszuwachs muss zugetraut werden können? Genau deshalb ist es heute so erforderlich, das notwendige und respektvolle Gespräch zu suchen. Allerdings ohne falsche Angst und mit dem Selbstbewusstsein, dass Toleranz und Klarheit ebenso wenig Gegensätze sind wie Glaube und Vernunft. Dazu sollte Benedikt nur der erste, nicht aber der letzte aufgeklärte Einladende sein.

Der Autor ist Theologe, Historiker und Publizist.

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