Meinung : Liberal ohne Wahl

Westerwelle will die FDP auch künftig führen – die Partei hat keine Alternative

Robert von Rimscha

In Zeiten der Krise schrumpfen die Ansprüche. Jobs, die normalerweise keiner machen würde, sind plötzlich interessant. Aber möchte wirklich jemand sich das Himmelfahrtskommando namens FDP aufhalsen? Lauern da ernsthafte Putschisten, die Guido Westerwelle ersetzen wollen?

„Wenn es eine Alternative gäbe, wäre Guido längst weg“: Dieser Satz wird aus der Umgebung eines der angeblichen Aufständischen kolportiert. Zu den Umstürzlern in spe werden die Herren Brüderle, Gerhardt, Rexrodt und Döring gezählt. Keiner von den vier Freidemokraten ist so bescheiden, sich das liberale Spitzenamt nicht zuzutrauen. Einer hatte es bereits inne. Doch bei näherem Hinsehen bleibt nicht viel übrig vom Komplott. Gerhardt hat sich seit dem Wechsel an der Parteispitze äußerst loyal verhalten. Jetzt, da Westerwelle erstmals überhaupt richtig schweres Wetter durchfahren muss, mag er Genugtuung verspüren. Doch einer, der sich rehabilitiert fühlt, ist deshalb noch kein Kandidat für die Nachfolge seines Nachfolgers. Brüderle wäre schon gern mal FDP-Chef geworden. Reine Aufräumarbeit hat er sich darunter nie vorgestellt. Wie Döring hat auch er ein regionales Kolorit. Und Rexrodt mag seinen soundsovielten Frühling genießen, erst als Berliner Wahlkämpfer und nun als Chef-Aufklärer. Doch dass er die Zukunft der Liberalen verkörpert, glaubt er selbst nicht.

Eines gilt für alle vier: Hätte Westerwelle sein Amt hingeworfen, wäre er in die Wirtschaft geflüchtet, dann hätte sich jeder von ihnen in die Pflicht nehmen lassen. Nein, es gibt nur einen, der sich als FDP-Chef aufzwingen wollte: Möllemann. Die Partei führt einen inzwischen zehnjährigen Abwehrkampf gegen den rücksichtslosen Münsteraner. In den FDP-Annalen könnte Westerwelle als der eingehen, der die Partei von einem Quälgeist befreite, der schon Lambsdorff, Kinkel und Gerhardt das Leben vergällte.

Westerwelle sagt oft, er sei in der Politik, weil ihm das Spaß mache. Derzeit hat er nichts zu lachen. Und dabei ist nicht einmal sicher, dass er das Schlimmste schon überstanden hat. Denn die Affäre Möllemann ist noch längst nicht ausgestanden. Der Geschasste schweigt. Noch. Dass er alles tun wird, um einen Rachefeldzug zu starten, und dass er ihn geschickt genug einfädeln wird, auf dass nichts Justiziables an ihm hängen bleibt, davon kann man ausgehen.

Gerade deshalb ist Westerwelle wild entschlossen, unabhängig vom hessischen und niedersächsischen Wahlergebnis am 2. Februar kommenden Jahres im Mai erneut für das Spitzenamt zu kandidieren. Es müsste jemand kommen, der ihm das Amt streitig macht. So jemanden gibt es – nach Möllemann – nicht mehr. Deshalb kann er nur über sich selbst stürzen: durch Fehler oder Enthüllungen. Und selbst dann hat er noch ein gewichtiges Argument auf seiner Seite: dass sich die FDP auf Jahre hinaus unmöglich macht, wenn sie den gerade vollzogenen Generationenwechsel für gescheitert erklärt.

Politik, die Kunst des Möglichen, ist auch in Personaldingen beschränkt auf das, was geht. Ohne Westerwelle geht bei der FDP derzeit nichts. Das ist ein funktionales Argument, mit pathetischen Solidaritätsbekundungen und schulterklopfenden Bestärkungen hat es nichts zu tun. Aber es ist die Realität – wenn es um Jobs in Krisenzeiten geht.

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