Meinung : Liebesleid

„Kein Sex mit Nazis“ vom 10. August

Im Kampf gegen rechts wird kein Pardon gegeben: „Dass dabei in seltenen Fällen über das Ziel hinausgeschossen wird, lässt sich eher verkraften, als dass das Ziel aus den Augen gerät“, meint Caroline Fetscher. Wo gehobelt wird, fallen Späne! Dass sich unter den Spänen allgemeine Menschenrechte und Kernelemente des Grundgesetzes befinden, muss offenbar als Kollateralschaden in Kauf genommen werden. Allerdings wäre ein Staat, der nicht nur Verstöße gegen die Rechtsordnung, sondern auch Gedanken oder Ideen ahndet, mutmaßliche Täter vor ihrer rechtskräftigen Verurteilung für schuldig erklärt und Verwandte und Freunde als mitschuldig dingfest macht, kein Rechtsstaat, sondern eine totalitäre Diktatur, gestützt auf öffentliche Dienste wie Gedankenpolizei und Liebesministerium.

Prof. Dr. Wolf-Dieter Schleuning,

Berlin-Hermsdorf

Ich stimme zu: Nationalsozialistisches Denken und Handeln muss geächtet bleiben. Aus vielen Gründen. Einer ist: Die Verteilungskämpfe auf unserem Planeten werden in den kommenden Jahrzehnten härter werden. Das könnte dem Schoß, aus dem das kroch, zu neuer Fruchtbarkeit verhelfen. Ich stimme weiterhin zu: Wenn Frau Drygalla eine Nationalsozialistin ist, hat sie in einer deutschen Olympia-Mannschaft nichts zu suchen. Unterstellen wir: Sie ist es nicht, nur ihr Freund ist es. Für die Beziehung beider verwendet die Autorin die Begriffe Sex, angenehm finden, Beischläfer sein. Nicht: lieben. Weil es nicht denkbar ist, dass man einen Nazi lieben kann? Lebenserfahrung und Fantasie sagen: Es ist denkbar. Theater, Kino, Literatur kennen Beispiele. Wenn ich das Wort „lieben“ einsetze, dann ergeben sich die Analogien und Schlüsse nicht so leicht und glatt. Dann haben wir ein Dilemma, das einer differenzierteren Betrachtung bedarf. Differenzierendes, also genaues, abwägendes, auch einfühlendes Denken ist immer gut, auch gegen nationalsozialistisches Pauschalisieren.

Ulrich Engelmann, Berlin

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben