Meinung : Liebevolle Widerworte

Eine Sensation: 38 muslimische Theologen antworten dem Papst

Thomas Lackmann

Wann hat es das schon mal gegeben? 38 muslimische Theologen und Religionsführer aus 27 Staaten, darunter eine Frau und neun Großmuftis, unterzeichnen einen offenen Brief – an den Papst. Wäre nicht heute vor einem Monat, aus Rache für die fünf Tage zuvor in Regensburg gehaltene Vorlesung Benedikt XVI., eine Nonne in Somalia ermordet worden, möchte man sagen: Dafür haben sich manche Regensburger Spitzen, die globale Empörungsrandale der Prophetenjünger und das Klarstellungs-Bedauern des Pontifex Maximus schon gelohnt.

Da ist ihm eine spezielle Brücke gelungen: Sunniten und Schiiten, unter Vertretung aller acht theologisch-juristischen Schulen, haben sich für einen Liebesbrief – nein, für einen ziemlich lieben Brief zusammengefunden. Wichtige Autoritäten fehlen, doch das Glas ist halb voll. So viel Einstimmigkeit gab es seit Mohammeds Nachfolgequerelen selten; solch eine Formation der Gesprächsbereiten hätten wir islamophob frustrierten Multikultis uns längst gewünscht.

Jenseits der Euphorie bleibt das Dokument, der Brief. Sein Ton macht die Sensation: unaufgeregt, unbeleidigt. Man applaudiert dem Papst in seiner Opposition gegen den Materialismus. Möchte nur ein paar Irrtümer korrigieren. Bemerkenswert ist die Ebene, auf der ihm widersprochen wird. In Regensburg hatte er historisch-kritisch argumentiert, indem er frühe Koran-Suren des angeblich noch verfolgten Mohammed späteren Suren gegenüberstellte. Seine muslimischen Kollegen kontern nicht etwa fundamentalistisch, der Koran sei sakrosankt, sondern exegetisch: mit anderen historischen Erkenntnissen. Und dann wird sogar das vom Papst benutzte mittelalterliche Zitat, Mohammed habe nichts Neues gebracht, locker abgefedert: Das habe der ja auch nie behauptet! „Die Gesetze mögen sich ändern, die Wahrheit bleibt unwandelbar.“ Beginnt so die muslimische Aufklärung?

Andere Gegenreden folgen dem Wir-sind-doch-ganz-anders-Trampelpfad. Das fällt umso leichter, als der Papst in Regensburg den „vernunftfeindlichen“ Islam (wie das „vernunftfreundliche“ Christentum) vereinfacht hatte. Es gibt so wunderbare theologische Analogien, wenn Allah mit poetischen Begriffen menschlicher – also rationaler – Vorstellung beschrieben wird. Es gibt Beispiele, wie Muslime zu allen Zeiten den Koran und Forderungen ihrer Intelligenz verbunden hätten, „ohne das eine dem anderen zu opfern“. Es sei unlogisch, einen Gegensatz von Gewalt und Vernunft zu konstruieren: Das zeige die Bibel. Zwangsbekehrungen oder Angriffe auf Nichtkrieger seien unerlaubt. Die Ermordung der Nonne wird „uneingeschränkt“ verurteilt.

Neu ist diese Darstellung des „guten Islam“ nicht, auch nicht der Schlussappell, einander zuzuhören und den Weltfrieden voranzubringen. Interessant dürfte sein, ob fortan mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner wieder viel Dialog-Zeit vertan wird oder ob man – geschult durch Regensburger Konfrontationen – zu neuralgischen Punkten vorstößt. Man? Wer? Und kann sich vielleicht doch das muslimische Institut eines Lehramtes herausbilden, um die zweitgrößte Weltreligion theologisch zu reformieren? Wie das unverzichtbar wichtige katholische Lehramt optimiert werden sollte, darüber … ein andermal.

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