Linke : Betonierte Zeit

Stephan-Andreas Casdorff über die Selbstkritik der Linken

Stephan-Andreas Casdorff

Ach ja, die 68er. Oder besser, wenn sie historisch korrekt sein wollten: die 67er. Denn es war genau dieses Datum, der 2. Juni 1967, der die Bewegung mit den adretten Schlips- und Anzugträgern der Jahre vorher zu dem machte, was heute noch debattiert wird, immer wieder aufs Neue. Nur eben nicht bei denen, die damals dabei gewesen sind? Oder gewesen sein wollen, weil das lange einem deutschen radical chic entsprach: Ich war ein Linker.

Die „skeptische Generation“ (schrieb der Soziologe Helmut Schelsky 1963) ist heute alles, auch alles Mögliche, geworden nach einem Marsch durch die Institutionen. Der übrigens so schwierig nicht war, wegen der soziokulturellen Hegemonie der Linken. Nur die, die sich heute öffentlich äußern, sind eines offenkundig nicht: skeptisch gegenüber sich selbst. Vielleicht ist das auch zu viel verlangt, psychologisch gesehen, hieße es doch, sich zu befragen, sich in Frage zu stellen, ob das damals Gedachte und Getane heute noch Bestand haben kann. Oder sogar Bestand haben darf.

Was Nachfahren dieser berühmten Generation heute bisweilen fuchst, ist das zeitweilig Hochfahrende, wenn Fragen gestellt werden, wie es damals war, warum es so war, und ob alles gut und richtig war. Nicht alles ist ein Akt der Illoyalität. Der Illegitimität sowieso nicht. Ist das nicht ein bisschen wie davor, wie ganz früher, als sie ihre Väter befragten? Gut, gut, hier geht es nicht um Faschisten, Postfaschisten. Es sind nur die, die für sich in Anspruch nahmen, es besser zu wissen; einem besseren Gesellschaftsentwurf gefolgt zu sein; dem Antiautoritären den Weg geebnet und den alten Nazis jeden verbaut zu haben.

West-Berlin war SEW-Land, die Bewegung 2. Juni von der Stasi infiltriert. Erklärt „Bommi“ Baumann, und der muss es wissen. Das RAF-Konzept der Stadtguerilla von 1971 bezieht sich ausdrücklich auch auf die Gewalt der Berliner Polizei 1967. Ja, und die DDR war bei alledem nicht nur der Spießerstaat, der Staat der Autoritären, als den wortmächtige Linke sie jetzt darstellen wollen, weil sie es heute besser wissen. Heute wird dafür sehr, sehr fein unterschieden zwischen den verschiedenen Gruppierungen, es darf bloß nicht (mehr) von „der Linken“, der großen, starken, stolzen, die Rede sein. Nein, nein, immer die anderen waren die Chaoten. Und der Ton wird dabei so autoritär wie bei denjenigen, denen sie genau das vorgeworfen haben: autoritäres Gehabe.

Wer aber heute die Gedanken einer undogmatischen Linken bewahren wollte, der hätte eine Chance. Der könnte sich an die Spitze der Bewegung stellen, die eine neuerliche Untersuchung der Vorgänge am 2. Juni 1967 und danach fordert, von den Schüssen über den Prozess bis hin zum Urteil. Der außerdem eine neuerliche Lektüre der Artikel zu diesem Fall in der „Springer-Presse“ vornimmt. Nur weil der Gedanke vom gewendeten Linken Thomas Schmid kommt, dem Chefredakteur der „Welt“, der früher gegen sie und andere Erzeugnisse des Konzerns protestierte, ist er nicht falsch. Es sei denn, man dächte dogmatisch.

Die Geschichte aufzuarbeiten, das erfordert die intellektuelle Redlichkeit. Und wenn sich dabei herausstellte, dass ein Irrtum in der Analyse oder im Handeln vorlag – wäre es dann nicht denen, die sich als die intellektuelle Avantgarde empfunden haben, angemessen, ihn einzugestehen? Vor allen? Das würde Überlegenheit zeigen, auch moralische. Es zeigte den notwendigen Grad an Offenheit und ein Gespür für die Erschütterung, die der Mythos 68 gerade wieder aushalten muss. Es wird ja von niemandem verlangt, nach Art der Gruppe Ulbricht zu handeln. Keiner muss sich selbst bezichtigen oder kasteien nach grauer DDR-Manier. Das ist möglicherweise der Grund, warum so wenig von denen kommt, kommen kann; wer will schon Betonsozialismus. Aber nichts hören, nichts sehen, nichts sagen zu wollen, wirkt auch nur, als solle Beton über die Geschichte gegossen werden.

Selbstkritische Beschäftigung ist nicht gleich Verrat. Es ist genau andersherum: Ohne sie entstünde der Eindruck, das Theoriekonstrukt von damals sei ideologisch-mythisch-totalitär – wir haben eine ganze Gesellschaft reformiert – und so hermetisch, dass eine kritische Auseinandersetzung entweder Gläubige oder Renegaten erfordert. Das ist dem aufklärerischen Anspruch der Linken nicht angemessen.

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