Linksreaktionär : Das etwas andere Lebensgefühl

Das Vaterunser des autoritären Charakters: Henryk M. Broder über Linksreaktionäre, die das Gewaltmonopol des demokratisch legtimierten Staates außer Kraft setzen wollen.

Henryk M. Broder
Henryk Broder
Henryk M. Broder, "Spiegel"-Reporter, Blogger und regelmäßiger Gastkommentator beim Tagesspiegel.Foto: privat

Waren das Zeiten! Die Sowjetunion war die Heimat aller Proletarier, der antifaschistische Schutzwall hielt die Reaktionäre davon ab, in der DDR einzufallen, im ganzen Ostblock siegte sich der Sozialismus langsam zu Tode, feierte aber immer neue Triumphe. Wir saßen in einem Konferenzzimmer des WDR und diskutierten über den Inhalt eines progressiven Radiomagazins, das einmal im Monat gesendet wurde. Irgendjemand schlug vor, einen Beitrag über eine Kunstausstellung auf freiem Feld bei Moskau zu machen, die von den Behörden nicht nur für illegal erklärt, sondern auch mit Baumaschinen platt gemacht wurde. Da meldete sich eine Kollegin zu Wort, von der wir alle wussten, dass ihr Herz für die DKP schlug. Im Grunde, sagte sie, wäre das eine gute Idee, wir sollten uns aber vorher schlau machen, um was für eine Art von Kunst es sich gehandelt hatte, was auf den Bildern zu sehen war, es könnten ja auch “reaktionäre” Werke gewesen sein. In dem Falle wäre das Eingreifen der Behörden bedauerlich aber gerechtfertigt gewesen.



Ja, so war es damals. Wer sich mit wem solidarisierte, hing davon ab, ob das Objekt der Solidarität auf der richtigen Seite der Barrikade im Klassenkampf stand. Deswegen z.B. hatten kapitalismuskritische westdeutsche Intellektuelle größte Hemmungen, sich mit sozialismuskritischen Dissidenten im Ostblock zu solidarisieren; diese mögen ehrenwerte Motive gehabt haben, aber “objektiv” spielten sie dem Imperialismus in die Hände, sie waren entweder die nützlichen Idioten der Reaktion oder die fünfte Kolonne des Kapitals. Ein Drittes gab es nicht.

Inzwischen ist das linksreaktionäre Pack in die Jahre gekommen, aber geändert hat es sich nicht. Nach einem langen Marsch durch die Institutionen, der für die einen in der Pension und für die anderen im Suff endete, fragt es immer noch zuerst “Cui bono?”, bevor es sich positioniert. Es ist gegen Atomkraftwerke in Deutschland, tritt aber für das Recht des iranischen Regimes ein, die Atomkraft friedlich nutzen zu dürfen; es ist grundsätzlich gegen Gewalt, hat aber Verständnis für Selbstmordattentäter, so lange sie sich nicht in der Nähe der Trattoria in die Luft sprengen, in der das linksreaktionäre Pack seine Penne Arrabiata zu sich nimmt; es fährt mit dem Zweitwagen quer durch die Stadt, um organisch angebautes Gemüse zu kaufen, und regt sich unterwegs über Chinesen und Inder auf, die den CO2-Ausstoss in die Höhe treiben, indem sie von Fahrrädern auf Mopeds umsteigen. Es schreit “Faschismus!”, wenn die Polizei marodierende Hütchenspieler hopps nimmt und regt sich über “Zensur” auf, wenn der Innenminister ein paar Kinder-Porno-Seiten sperren möchte. Aber es ist dafür, Verbote einzuhalten, die von ein paar alternativen Kriminellen verhängt wurden.

Ich habe auf meine Geschichte über meinen Ausflug in die “Freistadt Christiania” eine Anzahl extrem unterhaltsamer und aufschlussreicher Briefe erhalten. Hier eine kleine Auswahl von einschlägigen Zitaten:

“Was soll das? Du hast keinerlei Respekt vor andersdenkenden Menschen und dein Kopf ist voll mit rechter Scheisse!  Spring doch mal über dein Schatten und hinterfrag mal das was du machst.”

“Nur weil die Bewohner von Christiania sich nicht an die allgemeingültigen Regeln halten möchten, ist es dann vermessen, darum zu bitten, nicht fotografiert zu werden!?”

“Christiania ist eben kein rechtsfreier Raum, das ist dumme Rhetorik. Nur gelten eben andere Regeln. Eine davon ist das Fotografieverbot… Ich persönlich war eigentlich ganz froh, dass es in diesem sauberen, sterilen, unglaublich langweiligem Kopenhagen einen Ort gab, mit einem etwas anderem Lebensgefühl.”

“So kann ich nur sagen, selber Schuld. Gewiss, niemand sollte jemandem einfach die Kamera oder sonst was kaputt machen. Die Schilder waren halt nicht zum Spaß aufgestellt.”

“Was soll diese geziehlte Provokation mit vorhersehbar ablaufender Reaktion auf andere Lebensentwürfe im Ausland? Arroganz? Der zur Schau getragene Habitus des etablieten Bildungsbürgers?”

“Freut mich zu hören, dass du verdientermaßen in Christiania eins auf die Fresse bekommen hast.. Das sollte öfter mal passieren, auch wenn es deiner ekelhaften Borniertheit leider kaum abträglich sein wird...”

Diese Mails kamen direkt bei mir an. Eine wesentlich größere Auswahl finden Sie hier.

Der Leserbrief ist die authentische Alternative zum Leitartikel. So wie Catchen viel authentischer ist als Jiu-Jitsu. So betrachtet, ist Christiania extrem authentisch, nicht gelebte Utopie, sondern Rückkehr zum Status quo ante einer vorzivilisatorischen Ordnung. Der Satz: “Christiania ist eben kein rechtsfreier Raum, das ist dumme Rhetorik. Nur gelten eben andere Regeln”, ist seinerseits keine dumme Rhetorik, sondern das Vaterunser des autoritären Charakters, für den auch der Gulag kein rechtsfreier Raum war, sondern ein Ort, an dem andere Regeln galten.

Was das linksreaktionäre Pack nicht zur Kenntnis nehmen will, ist die einfache Tatsache, dass die Grundlage des zivilisierten Zusammenlebens das Gewaltmonopol des demokratisch legitimierten Staates ist. Und das ist in der Tat längst durchlöchert, wenn die Autonomen bei ihren Umzügen die Polizei vor sich hertreiben, die erfolgreich einseitig deeskaliert hat. Dieselben Chaoten, die es als Zumutung empfinden, an einer roten Ampel halten zu müssen, finden es richtig, sich an Fotografierverbote zu halten, weil diese einer alternativen Lebensform entsprechen, in der wiederum der Wille zur Selbstverwaltung zum Ausdruck kommt.

Nun ist Christiania so “selbstverwaltet” wie Medellin vom gleichnamagigen Kartell selbstverwaltet wird. Oder die napolitanische Müllabfuhr von der örtlichen Mafia. Den Ton geben nicht die dauerbekifften Althippies an, auch nicht die vielen glücklichen Familien, die jenseits der Haupstraße in selbstgebauten Hütten wie Robinson Crusoe und Freitag von der Hand in den Mund leben, den Ton geben die Dealer an, die ganz offen agieren. Die Althippies sind nur Statisten, Zeugen ihrer eigenen Hilflosigkeit.

Die Besucher, die nach Christiania kommen, sind Elendstouristen, kämen sie nach Rio, würden sie sich die Favelas anschauen. Sie tauchen für eine kurze Zeit in eine überschaubar exotische Welt ein, um hinterher mit umso größerem Genuss die letzte Sigur-Ros-CD auf dem BeoSound von Bang&Olufsen abzuspielen. Und das absurde “Fotografierverbot”, das die Dealer in Kraft gesetzt haben, dient nicht dem Schutz der Persönlichkeitsrechte, es soll nicht einmal das Fotografiertwerden verhindern. Es ist nur Ausdruck von Macht. Würden die Dealer das Atmen, Pupsen, Rülpsen oder Fahrrad fahren verbieten, wäre das ein Angriff auf die Menschenwürde, das Fotografierverbot dagegen verbreitet den gleichen autoritären Charme wie die Gesichtsmasken der Autonomen. Im übrigen wissen die Dealer, dass sie polizeilich erfasst sind. Sogar die dänische Polizei dürfte Knopflochkameras haben, die man in jedem Spy-Shop für 50.- Dollar kaufen kann.

Und es ist ja auch nicht so, dass die Freistadt der Aussteiger und Gesetzlosen ihre Existenz allein der sprichwörtlichen dänischen Toleranz verdankt. Es ist auch viel Kalkül dabei. Dass Kopenhagen so sicher, so sauber, so ruhig und so gastfreundlich ist, dass der Besucher am Kongens Nytorv nicht von Bettlern, Dealern und Junkies belästigt wird, dass er im Cafe Norden sitzen kann, ohne dass ihm ständig etwas zum Kauf angeboten wird, kommt auch daher, dass man das Strandgut der Gesellschaft nach Christiania ausgelagert, mit dem Etikett “alternativ” versehen hat und als Touristenattraktion vermarktet. So wie früher die Kirchen an manchen Orten den Bau von Bordellen nicht nur duldeten, sondern auch förderten, um die Prostitution an einem Ort zu konzentrieren und den Rest der Gemeinde von der Sünde frei zu halten, so sorgt auch das “social engineering” heute dafür, dass Problemzonen geduldet waren, die überschaubere Verhältnisse ermöglichen. Jede Hausfrau weiß, wie wichtig eine Rumpelkammer ist, um Ordnung in der Wohnung zu haben. Auch ein “rechtsfreier Raum” hat durchaus seine Vorteile.

Zurück zum Fotografierverbot im öffentlichen Raum. Wenn also fickende deutsche Touristen am Ballermann von RTL gefilmt werden, ist das okay. Wenn tapfere Antifaschisten NPD-Treffen heimlich aufnehmen, wird kein taz-Leser etwas dagegen haben. Günter Wallraff, der sich bei "Bild" einschleicht, ist ein Held. Man kann sich auch die Reaktionen des linksreaktionären Packs vorstellen, wenn ein Reporter der "Jungen Freiheit" bei dem Versuch, ein Ferienlager der Wiking-Jugend zu besuchen, seine Praktica verlieren würde. Andererseits: Haben die afghanischen Feminstinnen, die zu Zeiten der Taliban die Hinrichtungen von Frauen gefilmt haben, nicht gegen ein Fotografierverbot verstoßen und die Persönlichkeitsrechte der Taliban verletzt?

Ich gönne ein paar Rentnern und Sesselpupsern die Schadenfreude, dass ich “eins auf die Fresse” bekommen habe. Es ist bekanntlich die reinste aller deutschen Freuden. Und sie haben sonst wenig im Leben, worüber sie sich freuen können. Ich dagegen freue mich auf meine neue Lumix 12x, die ich mir heute gekauft habe.

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