Literatur-Nobelpreis : In Berlin, in Europa

Was für ein Tag, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer! Der Nobelpreis für Herta Müller lässt Berlin, Heimat so vieler Künstler und Schriftsteller, jubeln.

Rüdiger Schaper

Zehn Jahre ist es her, da ging der Preis der Preise zuletzt nach Deutschland. Nobel-Ehren für Günter Grass und „Die Blechtrommel“ – diesem Tag konnte man gelassen entgegensehen, es war damals überfällig. Doch das Stockholmer Orakel lässt sich nicht in die Karten schauen, es neigt zu verblüffenden Entscheidungen. So hat die Jury im letzten Jahr mit ihrer Wahl des Reise- und Märchenerzählers J. M. G. Le Clézio für Irritationen gesorgt. Den Franzosen hatte keiner auf der Rechnung. Ähnlich war es bei Dario Fo und Elfriede Jelinek – allesamt dicke Überraschungen, mit einem vergleichsweise dünnen Werk.

Und nun Herta Müller. Die in Berlin lebende, aus Rumänien stammende deutsche Schriftstellerin gehörte zum weiten Kreis der Kandidatinnen und Kandidaten. Aber hätte man es wirklich geglaubt? Und warum eigentlich nicht? Soll sich der Preis nach Auflage oder Berühmtheit richten? In den Köpfen der schwedischen Akademie gibt es nur eine einzige Konstante: Sie mögen keine US-amerikanischen Autoren. Philip Roth, Don DeLillo, Richard Ford, Bob Dylan – no, they can’t. Ein andermal vielleicht. Geografische Gesichtspunkte („Lateinamerika war lange nicht mehr dran“ etc.) spielen offensichtlich sonst keine Rolle mehr bei der Preisvergabe. Die Laureaten des zurückliegenden Jahrzehnts kamen überwiegend aus Europa – den türkischen Romancier Orhan Pamuk darf und muss man dazu zählen.

Achtzig Jahre ist es her, dass Thomas Mann gekürt wurde. Den Nobelpreis für Literatur umgibt bis heute eine Aura des Geheimnis- und Weihevollen, er verführt zu Listen und Vergleichen, ihm eignet etwas Olympisch-Sportliches. Mit Herta Müller wird zum 13. Mal deutschsprachige Literatur ausgezeichnet– nach Nelly Sachs und Elfriede Jelinek ist sie erst die dritte deutschsprachige Schriftstellerin. Herkunft und Sprache, Sprache und Nationalität: Hier liegt das Spannungsfeld von Literatur überhaupt, hier ist der Kern des Schreibens der 56-jährigen. Herta Müller zeichne „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“, heißt es in der Begründung der Nobelpreis-Jury.

Heimat, Heimatlosigkeit. 1987 entkam die aus dem deutschsprachigen Rumänien stammende Schriftstellerin dem Ceausescu-Regime nach West-Berlin; von Insel zu Insel. Ihre Bücher erzählen vom Leben in einem totalitären System, unter der grausamen Fuchtel der Securitate. „Atemschaukel“, ihr jüngster Roman, ist der erschütternde Bericht von Rumäniendeutschen in sowjetischen Arbeitslagern nach dem Zweiten Weltkrieg. „Auch meine Mutter war 5 Jahre im Arbeitslager“, schreibt Herta Müller lapidar.

Wir wissen wenig oder nichts von diesen Geschichten und dieser Geschichte. Wir können darüber nichts erfahren ohne eine Literatur, die um Erinnerung ringt. Es gibt in der Literatur keine Außenseiter. Schreiben, wie Herta Müller es versteht, ist eine Beschwörung des Schmerzes, Erschaffen von Gedächtnis. In China, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse, fänden ihre Erzählungen aus dem Land des Conducators gewiss ein großes Echo – wenn sie denn übersetzt werden.

Was für ein Tag, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer! Der Nobelpreis für Herta Müller lässt Berlin, Heimat so vieler Künstler und Schriftsteller, jubeln. Es ist eine riesengroße, vielleicht unverhoffte Ehre für die deutschsprachige Literatur, die sich als europäisch begreift. Aber von einer Sensation zu sprechen – das würde den Rang der Autorin mindern.

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