Meinung : Lob des Unterschieds

apz

Friedrich Schorlemmer, der Wittenberger Theologe, hat zum zwölften Jahrestag des Mauerfalls etwas Dummes und etwas Kluges gesagt. Resignierend, vielleicht auch zornig, meint er, die innere Einheit würden die Deutschen wahrscheinlich nie vollständig erreichen. Das ist eine dumme Feststellung, weil keiner von uns weiß, wie dieses Land in 40 Jahren aussehen wird. Fast so lange hat es aber nach dem Zweiten Weltkrieg gedauert, bis die Millionen von Flüchtlingen innerhalb Deutschlands nicht nur physisch, sondern auch psychisch zur Ruhe gekommen waren und ein einigermaßen gleiches Wohlstandsniveau in allen Regionen herrschte. Die Unterschiede in der Entwicklung beider Teile Deutschlands zwischen 1945 und 1989 an- und auszugleichen wird genauso lange dauern. Klug, vielleicht sogar weise, ist Schorlemmers Gedanke, die Deutschen seien eigentlich nur eins in ihrer Verschiedenheit. Ein Rheinländer wird auch noch in drei Generationen eine völlig andere Mentalität als ein Friese haben, so, wie die Mecklenburger und die Badener sich von ihren Prägungen nie lösen werden. Diese Pluralität, die die Stärke der alten Bundesrepublik war und ihre innere Liberalität und Toleranz ausmachte, taugt auch als Vorbild für das vereinte Deutschland. Die Vorstellung vom deutschen Menschenbild ist mit dem Dritten Reich untergegangen. Die Herstellung gleicher Lebensverhältnisse im ganzen Land bleibt Verfassungsauftrag, danach muss jede Bundesregierung streben. Aber ansonsten gilt: Es lebe die Verschiedenheit.

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