Meinung : Lob des Zentralismus

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Das schlechte Abschneiden des deutschen Bildungssystems in grundlegenden Lernbereichen ist die Quittung für verpasste Reformen. Wir brauchen jetzt einen tabu- und ideologiefreien Lernprozess aller am Bildungswesen Beteiligten.

Ein "Expertenrat Bildung" könnte dabei analog zum Rat der Wirtschaftsweisen kontinuierliche Unterstützung leisten. Auch ein Bildungspakt ist sinnvoll, wenn diejenigen gleichberechtigte Partner sind, die Bildungsreformen in der Praxis umsetzen sollen. Das von der GEW, dem Bundeselternrat und der BundesschülerInnenvertretung gegründete Bündnis "Für eine bessere Schule" könnte ein gutes Fundament für einen solchen Bildungspakt darstellen.

Deutschland hat im Bildungssystem ein Leistungs- und ein massives Gerechtigkeitsproblem. Alle Bundesländer sind im internationalen Vergleich kaum Mittelmaß. Der soziale Graben ist so tief wie in keinem anderen OECD-Land. Was wir in den nächsten zehn Jahren erreichen müssen, kann nur an dieser internationalen Dimension, nicht an föderaler Kleinstaaterei gemessen werden.

Wir müssen beides verbessern: die Bildungsbeteiligung und das Kompetenzniveau. Konkret: Kein Jugendlicher verlässt die Schule 2010 ohne Schulabschluss und der Anteil der jungen Menschen, die die Hochschulreife erreichen, wird auf mindestens 40 Prozent eines Jahrgangs erhöht – ohne Abstriche am Leistungsniveau. Dabei kann es nicht in der Beliebigkeit der Bundesländer liegen, ob jedem Kind gleiche Bildungschancen gegeben werden. Der föderale Wettbewerb im Bildungswesen führt in die Irre, wie Pisa-E eindrucksvoll nachweist. Der türkische Junge in Berlin-Wedding muss die gleichen Chancen haben wie das Mädchen im Münchner Villenviertel. Um das zu erreichen, bedarf es eines komplexen Systems von Veränderungen, in dessen Zentrum die individuelle Förderung von Kindern von Anfang an steht. Wir müssen weg von dem System der Auslese (Schulreifetest, Sitzenbleiben, "Absteiger") und hin zu einem umfassenden und langfristigen Qualitätsentwicklungssystem. Dazu gehört die Vereinbarung von nationalen Bildungszielen, die keinen Detailwissenskatalog abbilden, sondern die Kompetenzen aufzeigen, die Jugendliche am Ende ihrer Schullaufbahn erworben haben sollen. Ebenso gehört dazu eine stärkere Eigenverantwortung der Bildungseinrichtungen bei deren Umsetzung entsprechend den regionalen und sozialen Besonderheiten. Eine Einrichtung im sozialen Brennpunkt oder mit erhöhtem Anteil von Kindern aus Zuwandererfamilien muss entsprechend zusätzlich ausgestattet werden.

Vergleichende Qualitätstests dienen immer der Diagnose des Entwicklungsstandes gemessen an den Bildungszielen. Sie haben nur dann einen Wert, wenn sich Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität oder des Leistungsstandards anschließen. Zentrale Abschluss- oder Übergangstests oder Rankings sind wertlos, da sie nur einen Zustand feststellen, ihn aber nicht mehr verändern.

Ein Bildungssystem, das die Selbstverantwortung und Lernmotivation des Einzelnen stärkt, das gesellschaftlich akzeptierte Bildungsziele setzt und jedem Kind das gleiche Recht zugesteht, diese Ziele zu erreichen, ist nicht nur sozial gerechter als unser heutiges Bildungssystem, es ist auch leistungsfähiger.

Die Autorin ist Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)Foto: dpa

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