Meinung : Lobrede auf George Tabori

Dem kosmischen Brummler, dem Schriftsteller und Dramatiker zum neunzigsten Geburtstag

Péter Esterházy

Kedves Gyuri,

Igyekszem majd most halkan beszélni, alig érthetöen az orrom alatt dünnyögni, hogy ne sokat hallj a laudációból (Übersetzung siehe Fußnoten am Ende des Textes, d. R.), jetzt versuche ich leise und kaum verständlich zu reden, zu brummeln, zu nuscheln, damit das Objekt dieser Laudatio, der ein bedeutender Brummler ist, wenn nicht sogar einer der größten Brummler, ja, der ernsthafteste, entschiedenster Brummler der Gegenwart, ein kosmischer Brummler, und nun könnte sich zu diesem Weltenbrummeln besonderen Formates mein bescheidenes Nuscheln gesellen, das eher ein Sprachfehler denn Weltanschauung ist, eher eine szenische Unvollkommenheit als die gewählte Form – damit also das Objekt dieser Laudatio möglichst wenig von dem hier Gesprochenen vernimmt, wird mir jetzt die Natur beistehen, die das ehrenvolle Verstreichen der Zeit in Form von fortschreitender Taubheit zeigt (ist es unhöflich, so etwas zu erwähnen?, nein, das ist geschmacklos, – apropos geschmacklos: Einmal sagte er mir, als er gerade Schokoladenmousse mit Austern aß: Mir geht es gut, ich fühle mich ausgezeichnet, ich sehe nicht mehr, höre nicht mehr, oh, wenn ich endlich noch einmal impotent wäre!), denn solange ich annehmen muss, dass er mich hören könnte, müsste ich mir überlegen, dass sich der Arme langweilt – angyalom, látom a szemeden, hogy nagyon is jól hallod, mindegy most már, mondjuk a végén azt, hogy nem hallottad, ez nem színdarab, hogy nem lehet hazudni! (2) – , und jemanden, dessen ganzes Leben, wie ich meine, ein Feldzug gegen die Langweile gewesen ist, ein Feldzug gegen die wichtige, bedeutende, moralische, humane, gut gemeinte Langeweile, einen solchen Menschen meinerseits zu langweilen, wäre unfair, er wäre dem Terror einer runden Zahl, also einer durch zwei und fünf dividierbaren Zahl, ausgeliefert, ohne die Möglichkeit zu haben, nach Belieben aufzustehen und zum Fenster hinauszufliegen. (Vielleicht gibt es in den Theaterhäusern deshalb keine Fenster …)

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1968 stand ein Mann, der grad so viele Jahre zählte wie ich jetzt, also jemand, den man nicht mehr für jung halten würde, höchstens bei der eventuellen Erwägung eventueller Hüftprothesen – kleine autobiographische Nebenbemerkung –, er stand also hier in diesem Theater auf dieser Bühne, vielleicht gerade an dieser Stelle, und musste etwas zu Ehren von Bertolt Brecht sagen (in seiner Formulierung: um BB seinen Tribut zu erweisen), und der damals nicht mehr wirklich junge Mann stand hier fünf Minuten wortlos, dann brach er in Tränen aus.

Das ist interessant. Ich habe mir überlegt, so etwas zu versuchen. (Kleine Pause) Fünf Minuten auf der Bühne sind sehr lang. Vom Fußballplatz her kenne ich die Gedenkminute. Die ist sehr lang. Ein weiser Schiedsrichter wird die volle Minute nie abwarten, beobachten Sie das einmal, nach zwanzig, dreißig Sekunden wird er sie abbrechen. Als meine Mutter gestorben war, gab es auch eine Gedenkminute, die dauerte, wie ich mich erinnere, so an die fünf Minuten. Da hätte ich auch weinen können ...

Soll ich jetzt Tabori übel nehmen, dass er lebt und daher die ideale Form einer Laudatio, meiner Laudatio verhindert? Na endlich, das ist jetzt mit Sicherheit geschmacklos, geschmacklos, dem Geist Taboris jedoch nicht fremd. Die hier feiernde Gesellschaft wird leicht erraten können, von wem der folgende Satz stammt: „Ja, nun, Bertolt Brecht hätte gesagt, manchmal muss man sich eben entscheiden, ein Mensch zu sein oder guten Geschmack zu haben.“

Wir müssen hier grundsätzlich mit viel Kompensation arbeiten, weil Tabori – ursprünglich Tábori, die Betonung liegt auf der ersten Silbe, die Ungarn betonen alles so, und im Übrigen ist es eine interessante Erfahrung, offensichtlich eine Bühnenerfahrung, dass eine Betonung, eine einzige Betonung einen Menschen zum Verschwinden bringen kann, sie macht ihn unsichtbar; Tábori, wer ist das?, nie gehört; übrigens bedeutet Tábori auf Ungarisch „Mann aus dem Lager“, nomen est schlechtes omen – also George löst bei jedem sofort und überall auf der Welt eine wilde Liebesgeständniswut aus, bei Männern, Frauen, Kindergartenkindern, Rentnern, Zivilisten, Sozialdemokraten, Theatermenschen, Hunden, sofort knien wir uns alle nieder, küssen ihm die Hand und machen Geständnisse. Diesem Welttrend zu widerstehen, ist nicht empfehlenswert. Der häufigste Satz auf der Welt ist nach gewissen Statistiken „George, I love you“, allerdings sind in dieser Statistik auch die Liebhaber von Mr. Washington enthalten.

Kafkas Zeitgenossen erzählen, dass bei Kafkas Lesungen die Zuhörer, Hasek und die anderen, sich vor Lachen bogen. Kafka habe vorweg gelacht. Mit einem solchen Lachen arbeitet Tabori, mit diesem so genannten Post-festum-Lachen. Tabori lacht auch über das Lachen, womit ich keinesfalls sagen will, dass er über alles lacht. Aber über beinahe alles. Die beiden Dinge zusammen, das „Alles“ und das „Beinahe“, machen seine besondere Größe aus.

In seinem Lachen meinen ungarische Ohren den speziellen Budapester Humor mitzuhören. Ein zu diesem Humor gehörendes Budapest hatte es in den fünfziger Jahren noch gegeben, dieses nächtliche, lässige, leichte Budapest, mit umwerfenden Jazzern und umwerfenden Gestalten, jene Nächte mit Zigarettenrauch und Cognacgeruch waren aber grimmig kalt, und in der mit Entsetzen erfüllten Stille draußen huschten schwarze Wagen mit zugezogenen Vorhängen vorbei, die Wagen der Ávó, der ungarischen Stasi.

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Um eine Lieblingswendung meines Vaters zu gebrauchen: Tabori ist etwas zu viel. Wenn sich jemand in der Schule verspätet und dann sagt, die Straßenbahn sei entgleist, ist das in Ordnung. Aber dass die arme entgleiste Straßenbahn von einer Tigerhorde überfallen wurde, das ist etwas zu viel.

Ein ungarischer Jude mit englischem Pass, der amerikanisch schreibt, in Deutschland arbeitet und nicht sagen kann, in welcher Sprache er träumt, das ist zu viel. Offensichtlich hat er, wie auch Puschkin, eine farbige, schwarz-farbige Großmutter. Wir scheinen alles über ihn zu wissen, kennen seine Attribute, „er ist ein humaner, witziger, frecher, ehrlicher, rotziger, aggressiver Mensch“, Zitat Ende, wir kennen seine genialen, erstickenden Anekdoten, „nach Ihnen, Herr Mandelbaum“, kennen seine wirklich wichtigen und gut zitierbaren Sätze: „Was nach Auschwitz unmöglich geworden ist, ist weniger das Gedicht als vielmehr Sentimentalität oder auch Pietät.“

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Einmal konnte ich hier, in diesem Haus, bei den Proben der Brecht- Akten sein. „Das geschriebene Wort, und wenn es noch so großartig ist, ist ein Stück Lehm, das auf den Atemhauch wartet“, schreibt Tabori. Ich, Wortmensch, habe mein ganzes Leben mit diesem Lehm zu tun, daher bin ich vom funktionierenden Atemhauch immer wie ein Kind überwältigt.

Bei den Proben war ein Stuhl zufällig umgefallen, das wirkte auf der Bühne so aggressiv, dass sich die ursprünglich stille Szene in ein Geschrei und in Schlägerei verwandelte, die Schauspieler fielen übereinander her und hatten innerhalb von Sekunden die Bühne auseinander geschlagen, da flogen Sachen durch die Gegend und zerbrachen, und mit offenem Mund betrachtete ich das Theaterwunder, wie die Welt durch Zufälle generiert wurde, Goethe und Chaostheorie, begeistert und hingerissen starrte ich die Schauspieler an, die begeistert und hingerissen Tabori anstarrten und auf die verdiente Anerkennung warteten. Ja, es war sehr schön, was ihr gemacht habt, brummelte der Regisseur und richtete seinen Blick weit in die Ferne, die Schauspieler begannen zu lächeln, ich begann ebenfalls zu lächeln, ich war bewegt, die Geburt eines wahrhaftigen Theaterwunders miterlebt zu haben, dann fuhr George folgendermaßen freundlich fort: Es war schön, und es wäre auch sehr schön gewesen, wenn ihr das alles nicht gemacht hättet. Vielleicht hat Herr Peymann in diesem Zusammenhang gesagt: Tabori ist eine absolute Sau bei seiner Arbeit. Der gibt in nichts nach, ein Tyrann erster Güte.

In der Probenpause war ein Schauspieler, ein junger Mann, zu mir gekommen, und kopfschüttelnd fragte er: Sagen Sie, sind alle Ungarn so, so rätselhaft? Ich errötete ein wenig und hätte gerne lügend zugestimmt.

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Einmal habe ich in einem Buch gelesen, in meinem Buch, dass Hölderlin in einem seiner Briefe das Folgende geschrieben habe: „Ein ruhiger Ehemann ist eine schöne Sache.“ Nebenbei bemerkt, hatte Hölderlin den Brief seiner Mutter geschrieben. Das Objekt dieser Laudatio ist zwar fortwährend Ehemann, aber vielleicht doch kein Ehemann par excellence, jedenfalls ist er ein ruhiger Mensch, einer, der die Ruhe vorweist, Ruhe ausstrahlt. Frigyes Karinthy, der geniale ungarische Schriftsteller – den man hier schnell so charakterisieren könnte, dass er es ist, von dem Márai wirklich nichts gelernt hatte und der George längst schon als seinen Sohn adoptiert hätte – Karinthy hatte eine schöne Frage im Zusammenhang mit betont bescheidenen, in Wirklichkeit schein-bescheidenen Personen: Sagen Sie, worauf sind Sie so bescheiden? Wenn wir Tabori fragen, worauf er so ruhig ist, wird er nicht zu lügen beginnen. Das ist die Schönheit seiner Ruhe. Ein ruhiger Mensch ist eine schöne Sache.

Tabori sieht nicht Menschen, sondern Schauspieler. Nur betrachtet er Schauspieler dann unerwartet als Menschen. Jedenfalls gibt es immer Rollenverteilungen. Zum Beispiel meint George, dass Gott von Buster Keaton gespielt werden müsse. Dieses unbewegte, ausgelieferte, steife, entsetzte und zum Lachen reizende Gesicht sollten wir unbedingt vor Augen haben, wenn wir ihm jetzt sagen: drága Gyuri, Isten éltessen, George, Gott erhalte dich.

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Übersetzt aus dem Ungarischen von der Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse.

Anmerkung: Die Anrede bedeutet: Lieber George. Die ungarischen Passagen wurden bei der Laudatio ungarisch gesprochen. Die Bedeutung:

1. Ich versuche, jetzt leise zu reden, kaum verständlich, ich werde nuscheln, damit du nicht zu viel von der Laudatio verstehst.

2. Mein Lieber, ich sehe an deinen Augen, dass du sehr gut hörst, aber jetzt ist das egal, wir werden am Ende behaupten, dass du nichts gehört hast, das ist hier kein Theaterstück, so dass man auch lügen kann!

3. Teurer Gyuri, Gott erhalte Dich.

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