Meinung : LOCKERUNGSÜBUNGEN ZUM WAHLKAMPF Angies Einsatz

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Von Roger Boyes

Die Oper „Angela“, die in einer Berliner U-Bahn-Station aufgeführt wird, ist interessant, aber sie erzählt uns so viel über deutsche Politik, wie „Romeo und Julia“ über Balkon-Konstruktionen in Verona. Der zentrale Punkt bei Angela Merkel, die in „Angela“ die die Heldin spielt, ist nicht, dass sie ein Sopran ist, sondern dass sie für gewisse Töne taub ist. Wer sonst hätte seine Reise ins Hochwassergebiet Magdeburg im letzten Augenblick storniert, mit der Begründung, dass das kontraproduktiv wäre? Hatte sie befürchtet, dass die Deiche brechen, wenn sie auf der Bildfläche erscheint? Was sie natürlich meinte, war, dass Sandsäcke und die CDU nicht zusammenpassen. Die CDU ist eine Trocken-Land-Partei und sollte stolz darauf sein.

Das Interessante bei Angela Merkel ist, dass sie fast ganz abwesend ist, nicht nur in Magdeburg, sondern in der öffentlichen Politik. Klar, wenn jemand eine Oper über dein Leben macht, würdest du dich auch verstecken wollen. Aber Frau Merkel fehlt nicht wegen der persönlichen Blamage, sondern aus taktischen Gründen. In diesem Sommer fällt das Fernbleiben mehrerer auf: der seltsam ruhige Roland Koch (obwohl er eine passend lärmende und böse Rolle in „Angela“ hat) und Manfred Stolpe (war er nicht beauftragt, den Osten zu retten?), sogar Jürgen Möllemann (wo ist er? Wenn ich es recht bedenke – bitte beantworten Sie diese Frage nicht).

Angela, wie wir in Theaterkreisen sagen, wartet in den Kulissen. Sie ist eine von wenigen Politikern, die die Wahl nicht nur überleben, sondern auch von ihr profitieren werden. Wenn die SPD verliert, geht Schröder nach Hannover, wird Mitglied des VW-Vorstands und reich. Frau Merkel fordert ihre Belohnung – immerhin macht sie Stoiber glaubwürdig, indem sie die Disziplin in der CDU hält. Der Preis ist der Fraktionsvorsitz, der ihr eine Machtbasis gibt, bevor Roland Koch nach Berlin reitet. Wenn Stoiber gewinnt, bleibt er nur für eine Amtsperiode – das hat er seiner Frau versprochen – und so muss Merkel Koch so schnell wie möglich neutralisieren. Wenn Stoiber verliert, kehrt er zurück auf die South Fork Ranch in Wolfratshausen. Und Angie vermittelt eine große Koalition mit Schröder – bevor Koch die Hessen-Wahl ausgefochten hat. Wenn Schröder auf eine Allianz mit Grünen und PDS setzt – das Stephen- King-Albtraum-Szenario – blüht Merkel auf; sie bastelt an einem Regierungswechsel sobald der Krieg gegen Irak beginnt.

Angela ist eine wahre Schülerin Helmut Kohls. Kein Wunder, dass der Berliner Salon wieder nett über sie spricht. Die bloße Tatsache, dass sie eine politische Zukunft hat, erlaubte es ihr, ein Netzwerk von angels aufzubauen (nicht zu verwechseln mit den Hell’s Angels – die Merkel-Gang, anders als die Bayern, mag kein Leder). Weibliche Engel wie Heide Müller tragen Kaschmir und Jeans, männliche sind Klatschbasen: Alle erkennen Frau Merkels FDJ-geschultes Talent für organisierte Loyalität an. Bei einem alkoholfreien Bier mit einem Merkel-Unterstützer wird aber schnell klar, dass Angie mehr davon profitieren würde, wenn Stoiber die Wahl verlöre, als wenn Schröder unterläge. Also sagt sie wenig, meidet Kameras, während ihre Kaschmir-und-Jeans-Fußtruppen sich auf den wahren Feind vorbereiten: Roland Koch.

Wird Angela jemals Kanzlerin werden? Ihre Stärke wächst täglich. Aber in der Öffentlichkeit spricht sie, als hätte sie ihre Notizen verloren. Da ist nicht eine populistische Zelle in ihrem Körper; Gott sei Dank, sie spielt nicht Fußball. Frau Merkel wird beraten und beschützt von Frauen, die glauben, dass nur die CDU eine weibliche Führungsperson für Deutschland hervorbringen kann. Sie folgen ihren Herzen – mehr als ihren politischen Nasen. Deutsche (besonders deutsche Frauen) würden eher für einen Zulu-Anführer stimmen, als einen weiblichen Kanzler zu wählen. Das ist die Schwachstelle der Oper „Angela“ – es gibt keinen Platz für einen Sopran auf Deutschlands politischer Bühne.

Der Autor ist Korrespondent der „Times“.

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