Meinung : LOCKERUNGSÜBUNGEN ZUM WAHLKAMPF Auf der Suche nach dem verlorenen S

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Von Roger Boyes

Bekanntlich kommen die Kalifornier vom Mars. So hat es mich kaum gewundert, als mich ein Freund, ein Kardiologe aus Santa Barbara, auf die SPD ansprach: „Das muss eine wirklich große Bank sein, die machen ja überall Reklame.“ Ich übersetzte ihm den Wahlslogan: Wir investieren in Bildung und Forschung, weil aus neuen Ideen neue Arbeit entsteht. Auf Englisch klingt das ganz ähnlich wie die Werbung des US-Energiekonzerns Enron. „Und wer ist der Typ auf dem Plakat?“ – „Der Vorsitzende.“ Ich beschloss das Thema nicht weiter zu vertiefen, mein Freund musste noch einen dreifachen Bypass operieren; da fand ich, er solle sich besser mit wichtigeren Dingen beschäftigen. Aber der Mann hatte ins Schwarze getroffen: Die SPD hat alles Soziale aus dem Wahlkampf verbannt. Auf den Plakaten ist fast nichts Rotes mehr. Das letzte bisschen erinnert eher an Sparkassen-Rot als an Revolutionsfarbe. Nach Begriffen wie Gerechtigkeit und Gleichheit braucht man nicht zu suchen. Ebenso wie die CDU im Lauf der Zeit das „C“ drangab, hat die SPD das „S“ gestrichen. Deutschland hat jetzt die Wahl zwischen DU und PD.

Die Wahlforscher stochern im Nebel, simulieren ein atemloses Kopf-an-Kopf-Rennen. Doch auch sie können die simple Tatsache nicht kaschieren, dass die nächste Bundesregierung keinen linken Flügel haben wird. Rot-Grün ist am Ende. Die verbliebenen Chancen hat Schröder mit seinem Ergrünen zerstört. Letzte Woche Gummistiefel, diese Woche Johannesburg: Wer braucht da noch Jürgen Trittin? Der Kanzler hat auch der PDS ihren Nimbus als Schutzherrin des Ostens und Anti-Kriegspartei geraubt. Deshalb kleidet sich Schröder wie ein Banker. Es hat sich ausgelinksruckt in Deutschland.

Als Schröders Mannschaft an die Regierung kam, hieß es: Jetzt sind die 68er an der Macht. Die Spaß haben, Steine warfen, Pistolen ins Gefängnis schmuggelten, sich scheiden ließen. Die keine Krawatten mögen. Clinton, Felipe Gonzales, Danny Cohn-Bendit, Vaclav Havel, Mick Jagger: Überall haben sie Freunde. Jetzt hat diese Generation versagt. In Deutschland war ihre Mission erfüllt, als sie Deutschland „normalisiert“ hatten – Sie wissen schon, Soldaten auf den Balkan – und den Atomausstieg beschlossen. Das war nicht viel, und doch ist es eine Katharsis, dass auch sie mal an der Regierung waren.

Was bleibt, ist die hässliche Seite der 68er: das Herzlose; der Eifer, unbequeme Kollegen über Bord gehen zu lassen; die Verschwörungen; das Wissen, dass Schweigen Macht ist.

Interessanterweise setzt sich Tony Blairs Labour Partei aus früheren Mitgliedern der britischen KP zusammen: Peter Mandelson, Charlie Whelan, David Triesman, John Reid. Sie haben eine leninistische Entschlossenheit, das Image der Partei zu verändern, es zu kontrollieren und Parteidisziplin zu erzwingen. Die britische Öffentlichkeit ist nicht dumm und kehrt der Politik den Rücken: Nur 58,9 Prozent gingen zur letzten Wahl.

Schröder hat ein ähnliches Problem. Mit alten Juso- und Asta-Methoden ist er zum Alleinherrscher aufgestiegen: Lafontaine wurde systematisch demontiert, bis er das Handtuch warf. 2000 war Schröder der mächtigste sozialdemokratische Führer seit dem Krieg. Weil er aber die linke Seele der Partei erstickt hat, ist seine Macht ohne Substanz. Schröder hat die Leere der 68er entlarvt: Sie wollten die Welt verändert, aber geändert haben sie nur die Frauen an ihrer Seite.

Nach der Wahl werde ich mich im Geiste von Indiana Jones auf die Suche nach dem verlorenen Schatz der deutschen Linken machen. Ich werde einen Schlafsack und zwei Sherpas mitnehmen und die Steinzeithöhlen der letzten PDS-Linken erkunden. Auf dem Rücken eines Esels werde ich mich durch Dschungel schlagen, um die heimlichen Marxisten in den Gewerkschaften zu finden. Ich bin da nicht sehr zuversichtlich. Ich fürchte, die Linke hat sich aus dem politischen Mainstream zurück gezogen und vorübergehend Heimat in der Anti-Globalisierungs-Bewegung gefunden. Sie lässt der SPD freie Hand, ihre Bank-Geschäfte fortzusetzen.

Der Autor ist Korrespondent der „Times“.

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