Meinung : LOCKERUNGSÜBUNGEN ZUM WAHLKAMPF Das Volk irrt

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Von Harald Martenstein

Es ist Quatsch, wenn gesagt wird: Die Wahl ist schon entschieden, der Stoiber gewinnt eh. Deutsches Volk! Wirst Du denn niemals dazulernen? Vor ein paar Monaten hast Du, deutsches Volk, gesagt, dass deine Fußballer nichts können und bei der WM verdientermaßen eins auf die Mütze kriegen. Und, was ist passiert? Vor nicht allzu langer Zeit hast Du gesagt, Boris Becker sei ein niemals von seinem Denkmal zu stoßender Titan und so reich, dass ihm bis an sein Lebensende finanziell nichts passieren kann. Und? Wenn der gegenwärtige Becker-Trend sich fortsetzt, wird er bald unter den Brücken schlafen, in der Beliebtheits-Skala dürften Gabi Zimmer und Rolf Eden bereits an ihm vorbeigezogen sein.

Man kann nie wissen. Merk dir das doch endlich mal, deutsches Volk: Es kann alles Mögliche passieren. Bei den beiden Fernsehdiskussionen könnte Stoiber so herumstottern und haspeln und fuchteln, dass die Wähler sich sagen: guter Mann, der Stoiber, aber dem beim Reden zuzuhören, das macht mich nervös, das halte ich nervlich keine vier Jahre lang aus. Oder der Irak-Krieg fängt an. Das wäre gut für Schröder. Die SPD ist offiziell gegen den Krieg, aber brauchen könnte sie ihn schon. So etwas nennt man „Dialektik“. Oder der „Spiegel“ bringt eine Enthüllungsstory, die ganze CSU-Spitze bestehe aus Passfälschern und Hütchenspielern. Kann alles passieren. Dass es bei der CSU noch ein paar unaufgedeckte Mega-Kracher-Super-Skandale gibt, darf man in Anbetracht der Parteigeschichte für wahrscheinlich halten.

Andererseits: Wenn ein Politiker das Frauenwahlrecht abschafft und einen Atomkrieg anfängt, dann tröstet es hinterher auch nicht, dass er immer seine Bonusmeilen korrekt abgerechnet hat, oder? Es gibt ja Leute, die in den Kleinigkeiten des Alltags Halunken und Hallodris sind, die aber in den großen Fragen Heldenmut beweisen. Oder umgekehrt: Die Geschichte wimmelt von Politikern, die im Alltag nett und verhältnismäßig korrekt waren, die man trotzdem in unguter Erinnerung behält, Hitler oder Stalin zum Beispiel.

Einer der anständigsten Politiker war der Marquis de Sade. Im Privatleben hatte er bekanntlich sehr unkonventionelle Angewohnheiten. Seine Schwiegermutter, eine Zicke aus dem Hochadel, denunzierte ihn; er kam ins Gefängnis, die französische Revolution befreite ihn. Man gab ihm einen wichtigen Posten in der Justiz, in der Hoffnung, dass er aus Rachsucht ein Blutbad anrichtet. Er war aber sehr milde, denn er kannte die Schwächen der Menschen. Eines Tages sollte er über seine Schwiegermutter das Todesurteil sprechen, er setzte aber ihre Freilassung durch.

Nun könnte man denken: Das war besonders sadistisch. Denn er zwingt ja die Alte, die ihn hasst, ihm dankbar zu sein. De Sade sagte aber sinngemäß: „Ich habe sie nur befreit, damit sie mir für den Rest ihres Lebens dankbar sein muss, die alte Zicke.“ Er gibt ihr mit dieser rohen Bemerkung die Freiheit zurück, ihn zu hassen. Erst dadurch – indem er auf seine moralischen Bonusmeilen verzichtet – wird seine Tat wirklich gut. Manchmal ist das Böse das Gute, und umgekehrt.

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