Meinung : LOCKERUNGSÜBUNGEN ZUM WAHLKAMPF Die PDS und die Kant’sche Freiheit

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Unter soziologischen, ästhetischen und historischen Aspekten ist die PDS zweifellos die interessanteste deutsche Partei. Sie schafft das Unmögliche: gleichzeitig für Nostalgie und Rebellion zu stehen, für Fortschrittsrhetorik und Traditionspflege, für Rentner und Punks, für Regionalgefühl und internationalistische Weltanschauung . . . Eigentlich müsste die PDS von ihren Widersprüchen zerrissen werden, wie der Balkan. Was hält sie zusammen? Nur der Erfolg?

Andere Frage: Was treibt eigentlich die PDS zurzeit? Man hört überhaupt nichts von ihr. Kein größenwahnsinniges „Projekt 18" à la FDP, kein Bitte-vergesst-uns-nicht-Überlebenskampf wie bei den Grünen. Für kleinere Skandale in Sachsen-Anhalt oder so interessiert sich ja kaum einer. Die PDS legt ihren Wahlkampf ähnlich an wie Muhammad Ali den berühmten Boxkampf gegen George Foreman – sich in die Ecke stellen, Fäuste hochheben, abwarten, am Ende gewinnen.

Der Internet-Auftritt der PDS ist – Heribert Fassbender würde wohl sagen: „flott gemacht". Herunterladen kann man zum Beispiel „Dass keiner verliert, ist das Ziel", den „Kult gewordenen Wahlsong". Sie haben alle deutschen WM-Spiele von PDS-Spitzenpolitikern kommentieren lassen. Die heben erwartungsgemäß den Anteil der Ostdeutschen hervor (Ballack!). Zur aktuellen Politik finden sich eine Rede von Dietmar Bartsch vom 22. April – verdammt lang her –, eine Erklärung zu Bushs Nahostrede („unerträglich und gefährlich") und Substantiv-an-Substantiv-Sätze, die nahelegen: Wer den deutschen Genitiv liebt, muss PDS wählen.

Den Grünen nehmen es viele Anhänger übel, wenn sie sich als Regierungspartei mit dem Bestehenden arrangieren, gar noch Spaß an der Macht haben. Das ist Verrat. Bei der PDS wirkt es wie Schläue, wie ein gelungener Artistentrick. Den PDS-Politikern nimmt man weder ihren Erfolg übel noch ihre Bereitschaft, das Parteiprogramm zu ignorieren, sobald sie im Amt sind. Gregor Gysi ist kein ähnlicher Fall wie Fischer, sondern wie der deutsche Türke Cem Özdemir – der hatte es schwerer als der Mainstream, deshalb beklatscht ein Großteil des Publikums den Aufstieg als solchen. Ein PDS-Mensch oder ein Deutschtürke als Minister, das ist ein Wert an sich, ähnlich wie eine Bundespräsidentin oder eine Bundeskanzlerin es wäre. Sie sind Stellvertreter, Identifiksationsobjekte.

Die Grünen haben sich von der deutschen Mehrheit nur durch ihre Meinung unterschieden, ihre Forderungen und Ideen. Sie sind einfach nicht unterprivilegiert genug. Nimm ihnen ihre Prinzipien weg, und was bleibt übrig? Leute, die in ihrer Jugend ein bisschen öfter gekifft haben als die CDUler, das ist alles. Die PDS hat ihre Identität, vor allem aber hat sie ihre Feinde. Sie ist auf die aktuelle Politik nicht angewiesen, darf sogar schweigen. Sie ist ein Markenartikel wie Nivea oder Mars, der nicht gleich untergeht, wenn es drei Jahre lang keine Werbekampagne gibt.

Wenn die Westler auf der PDS herumtrampeln, wird sie stärker. Aus Trotz. Wenn die Westler mit der PDS ein Bündnis eingehen, wird sie ebenfalls stärker. Aus Stolz. Die PDS kann einfach machen, was sie will. Das ist toll für sie. Das ist wirklich Freiheit, im Sinne von Kant und Hegel und all diesen Leuten.

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