Meinung : LOCKERUNGSÜBUNGEN ZUM WAHLKAMPF Kanzler der Schmerzen

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Von Roger Boyes

Das Geheimnisvolle, ja Unergründliche im Wahlkampf sind die Umfragen. Hier liegt das Atlantis der politischen Welt. In der jüngsten Forsa-Umfrage waren 42 Prozent für Schröder, 20 für Stoiber. Aber: 40 Prozent würden ihre Stimme der CDU geben und nur 35 Prozent der SPD. Was hat das zu bedeuten? Wollen die Deutschen jemand anders an der Spitze der Union sehen? Oder gar, dass Schröder zur CDU wechselt?

Vergangene Woche sprach ich mit einem Werbeexperten, der mit der Vermarktung von Milchprodukten sein Geld verdient. Weil die Frage, ob Schröder oder Stoiber so ähnlich ist wie die Frage, ob Butter oder Margarine, war er genau der richtige Mann. Schröder, sagte er, werde als unkomplizierter, moderner Staatsmann wahrgenommen. Stoiber dagegen als altmodisch, provinziell und irgendwie mittelmäßig. Und deshalb liege Schröder vorn. Eigentlich aber wollen die Deutschen einen mittelmäßigen, provinziellen Kanzler – siehe Helmut Kohl.

So betrachtet, bekommt Stoibers balltechnisches Missgeschick eine völlig neue Bedeutung: Beim Kicken einer alten Dame den Fußball an den Kopf zu schießen – geniale taktische Leistung. Ein Triumph der menschlichen Schwäche über all die Imageberater. Als Stoiber die Dame mit der Platzwunde tröstend umarmen wollte, wusste er nicht so recht wie. Die Angst um sein weißes Hemd stand ihm ins Gesicht geschrieben. Eine Geste der Hilflosigkeit – und Millionen Deutsche waren von Herzen gerührt. Michael Spreng sollte bis September einen Unfall pro Woche organisieren.

Missgeschicke bringen Stimmen. Nachdem George Bush sich an einer Salzbrezel verschluckte stand er plötzlich ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Die Tennis spielenden Neue-Mitte-und-Dritten-Weg-Politiker sind out. Die Leute wollen Politiker wie den holländische Premier Jan Peter Balkenende, der täglich seine Mutter anruft.

Man hat Stoiber geraten, sich auf seiner Sommertour durch Deutschland als moderner Staatsmann zu geben. Völlig verkehrt. Er sollte nach Hause fahren, zu seiner Familie. So hat auch Bush die Wahl gewonnen. Seine konservative Lebenswelt in Texas haben Al Gore als Mann ohne Überzeugungen dastehen lassen. Konservativ heißt bewahren. Das gilt auch für die eigene Energie.

Die Deutschen wollen nun mal jemanden wählen, der mit einem Fußball nicht richtig umgehen kann.

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