Lösegeld für Geiseln : Wenn Staaten zu Sponsoren des Terrors werden

Was sollen Regierungen tun, wenn ihre Bürger in der Hand der IS-Miliz fallen: Freikaufen oder nicht? Ein Kommentar

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Er ist offenbar das jüngste Opfer des unmenschlichen IS-Rachefeldzuges: der US-Bürger Peter Kassig.
Er ist offenbar das jüngste Opfer des unmenschlichen IS-Rachefeldzuges: der US-Bürger Peter Kassig.Foto: AFP

Was ist ein Leben wert? Oder genauer: Was ist dem Staat das Leben seiner Bürger wert? Offenbar hängt die Antwort auf diese Frage vor allem davon ab, aus welchem Land man kommt.

Als Amerikaner oder Brite hat man derzeit schlechte Karten. Zumindest wenn man von Dschihadisten oder anderen zum Äußersten entschlossenen militanten Kriminellen entführt wird. Denn die Regierungen dieser beiden Länder lehnen es grundsätzlich ab, Lösegeld für die Freilassung ihrer Staatsbürger zu zahlen – mit der nachvollziehbaren Begründung, daraus erst gar kein Geschäft werden zu lassen. Sie nehmen damit in Kauf, dass die entführten Journalisten, Touristen oder Entwicklungshelfer eventuell vor laufender Kamera enthauptet werden – ein unerträglicher Vorgang.

Trauriger Beleg dafür ist das neueste Horrorvideo des „Islamischen Staates“ (IS) über die Enthauptung des 26-jährigen Peter Kassig aus Indiana, sollte es sich denn als echt herausstellen.

Andere Regierungen wie Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland zahlen dagegen für ihre Staatsbürger, und zwar reichlich – auch wenn das offiziell abgestritten wird. Israel ist gewissermaßen ein Sonderfall: Gezahlt wird nicht, ausgetauscht dagegen schon (auch das lehnen die USA ab). Da kann es dann schon mal sein, dass für einen entführten israelischen Soldaten 1000 gefangene Palästinenser freigelassen werden, darunter auch viele, die für die Sicherheit Israels hochgefährlich sind.

Sind diese Regierungen den angelsächsischen also moralisch überlegen, da sie Mitleid mit den verzweifelt flehenden Angehörigen zeigen? Weil sie das Leben ihrer Bürger über die Prinzipien, über rationale und langfristige Erwägungen stellen?

Vor wenigen Wochen hat die „New York Times“ eine aufwendig recherchierte Rekonstruktion der letzten Wochen im Leben der US-Geisel James Foley veröffentlicht. Darin wird beschrieben, wie er schwankte zwischen Hoffnung und bitterer Enttäuschung, wie es immer einsamer um ihn herum wurde, da viele seiner mehr als 20 westlichen Mitgefangenen auf einmal anders behandelt wurden: Ihre Aussichten stiegen, freigekauft zu werden.

Auch Foley hätte freigekauft werden können, der IS hat den USA nach Recherchen der Zeitung einen Deal angeboten: 100 Millionen Dollar wollte die Terrororganisation angeblich für seinen Kopf. Die US-Regierung lehnte ab, und auch eine Befreiungsaktion ging schief. Die schrecklichen Folgen sind bekannt. Viele seiner Mitgefangenen sind mittlerweile frei, andere wie Peter Kassig inzwischen wahrscheinlich tot. Getötet wurden ausschließlich die Amerikaner und Briten unter ihnen.

Googelt man die englischen Begriffe „kidnapping“, „ransom“ (Lösegeld) und den Namen „Foley“, ist der erste Treffer eine deutsche Firma, die Unternehmen anbietet, ihre Mitarbeiter gegen Entführungen zu versichern. Offenbar gibt es einen lukrativen Markt: für die Entführer, aber zunehmend auch für die Versicherungsunternehmen. Es ist ein Millionengeschäft.

Nach Recherchen der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ versichern immer mehr Unternehmen ihre Mitarbeiter für den Fall einer Entführung. In Deutschland bieten demnach sechs Konzerne solche Pakete an. Sie sehen für den Entführungsfall Deckungssummen von drei bis 50 Millionen Euro vor und sollen die Kosten für Verhandlungsteams und Lösegeld decken. Das Interesse ist groß, und es ist seit dem Auftauchen der Enthauptungsvideos sogar „explosionsartig gestiegen“, heißt es.

Dabei dürfte es dieses Geschäftsmodell eigentlich gar nicht geben. Im vergangenen Jahr haben sich die G-8-Staaten darauf geeinigt, keine Lösegelder zu zahlen. Geändert hat das in der Praxis aber offenbar wenig.

Wenn nun die Gefahr für Amerikaner und Briten extrem steigt, getötet zu werden, da ihre Regierungen Zahlungen ablehnen und damit die Entführer verärgern, während dies andere Länder offiziell ablehnen, aber unter der Hand Deals machen, dann läuft etwas falsch. Vor allem, wenn durch die Zahlungen das Geschäft erst richtig in Schwung kommt und die Terroristen mit dem eingenommenen Geld immer gefährlicher werden.

Was dringend geboten wäre, ist ein gemeinsames, abgestimmtes Handeln. Es ist ein furchtbares Dilemma, wenn man vor der Frage steht, wie viel ein Leben wert ist. Aber brandgefährlich ist es, wenn so widersprüchlich gehandelt wird, wie es derzeit der Fall ist. Der islamistische Terror bedroht den Westen als Ganzes. Die Antworten auf ihn sollten daher gemeinsam gesucht werden.

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