Meinung : Lösegeld ist keine Lösung

Warum Deutschland für Geiseln höchstens auf Umwegen zahlt

Christoph von Marschall

Der Ehemann der toten Sahara-Geisel wirft der Bundesregierung vor, sie habe Chancen zur Freilassung der Entführten verpasst. Gleichzeitig machen angebliche Millionenforderungen für die noch 14 Vermissten die Runde. Da mögen viele Bürger denken: Wenn es mit Geld zu regeln wäre, muss die Regierung nicht die Chance ergreifen?

Die Klagen des Ehemanns wird man verstehen, wenn man an Trauer und Schmerz der Angehörigen denkt. Was nicht heißt, dass die Vorwürfe berechtigt sind. Denn wie groß oder klein der Handlungsspielraum war und ist, weiß allein der Krisenstab. Weder die Familien der Geiseln noch die Öffentlichkeit können das beurteilen.

Wer würde nicht jubeln, wenn die Entführten nach ihrem langen Martyrium endlich freikämen? Doch Lösegeld ist äußerst problematisch. Hinter dem Prinzip, dass der Staat sich nicht erpressen lassen darf, steckt ja nicht Autoritätsgehabe oder Kaltherzigkeit. Auch da geht es um den Schutz von Bürgern – vor künftigen Entführungen mit möglicherweise tödlichem Ausgang. Wenn eine Regierung ziemlich voraussehbar zahlt, lädt sie geradezu ein zu neuen Geiselnahmen. Die israelische und die amerikanische Regierung zahlen grundsätzlich nicht – und wenn US-Firmen oder Familien das durch private Zahlungen unterlaufen, machen sie sich sogar juristisch angreifbar.

Deutschland geht nach allem Anschein elastischer mit dem Prinzip um. Auch diese Bundesregierung besteht (wie ihre Vorgänger) darauf, sie zahle nicht. Im Fall der Jolo-Geiseln ist zwar Geld geflossen, in anderen Entführungsfällen auch – aber kein deutsches, beharrt man im Auswärtigen Amt. Mit viel Fantasie könnte man sich Modelle vorstellen, wie deutsche Geiseln gegen Geld freikommen, ohne dass Deutschland zahlt: Tauschgeschäfte, die mit höherer Entwicklungshilfe belohnt werden, zum Beispiel.

Aber eigentlich sollten wir es gar nicht wissen wollen. Entscheidend für die Vorbeugung ist nicht, was wir denken oder wünschen oder ablehnen. Sondern: Potenzielle Entführer dürfen nicht darauf rechnen, deutsche Geiseln zu Geld machen zu können. Das Prinzip, Deutschland zahlt nicht, muss glaubwürdig sein – ohne ironisches Zwinkern. Weshalb Ausnahmen nur möglich sind, wenn das niemand erfährt.

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