Meinung : London calling

„Wie Berlin uns alle betrügt“ vom 3. Juli

Dear Mr. Boyes, you're right! Es war an der Zeit, dass sich ein Bürger dieser Stadt empört. Öffentlich. Und unüberhörbar. Aber es musste einer wie Sie sein: Einer der liebt und doch der Herkunft wegen Distanz, Objektivität und, vor allem!, Autorität besitzt. Einer wie Sie. Ich bin 1982 als Liebender nach Berlin gekommen. In die geteilte Stadt. Hier war, so meine Überzeugung, das Unheil der Welt am deutlichsten zu erfahren. Und hier, so der fromme Glaube, konnte Kunst (als Therapie) am besten wirksam werden. „Weltstadt“ war die geteilte Metropole ohnehin für mich. Alle Welt kannte Berlin. Aber wer kannte Hannover? Und von dort kam ich! Nach 25 Jahren Galeriearbeit. Richard von Weizsäcker und Hans-Jochen Vogel waren die Berliner Protagonisten der beiden großen Parteien. Da wurde noch groß gedacht und gehandelt. Die sieben Jahre nach der Wende waren eine aufregende und ganz und gar fruchtbare Zeit. Ich hatte das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Und wurde, wenn ich es nicht schon längst war, zum überzeugten Berliner. Also auch „zweisprachig“. Denn, Sie werden es wissen, im östlichen Teil sprach man ein anderes Deutsch.

Die Wende? Natürlich war ich froh. Aber Glück stellte sich nicht ein. Auch nicht bei meinen Künstlerfreunden im Osten der Stadt, des Staates. Aber alle, wir alle, waren voller Hoffnung. Doch je weiter die Verwestlichung des Ostens fortschritt, wiederum am deutlichsten hier in Berlin zu erfahren, desto mehr regten sich Zweifel hinter Hirn- und Herzensrinde. Dann kam Rot/Rot. Die Stadt galt als „supersexy“. Aber dem normalen Bürger, mit all seinen wachsenden Sorgen und Problemen, wurde nur noch zu Wahlzeiten (ein wenig) Aufmerksamkeit geschenkt. Der common sense verrottete. Gefeiert wurde allerorten. Aber Konzepte, Perspektiven, für die Opfer zu bringen sich lohnen würde, waren nicht mehr erkennbar. Städtisches Leben, welches doch ein urbanes sein soll, wurde mehr und mehr zur Plage. Und ein Bahnchef half kräftig mit, Bürgerbedürfnisse missachten zu lassen. Primäre Bedürfnisse, die einmal in jeder Stadt selbstverständlich waren, werden zunehmend in einer Stadt missachtet, die Hauptstadt ist. Aber sich nicht so verhält. Ich kann gut verstehen, dass Sie Sehnsucht nach Ihrer Hauptstadt haben. London ist teuer, jedenfalls für den Fremden, aber man ist gut aufgehoben im dort selbstverständlichen common sense. Urbanes Leben für alle. Sie haben ein hoffentlich unübersehbares, unüberhörbares Zeichen gesetzt und uns, die liebenden Berliner, wach geküsst. Also doch: Abschied mit Kuss, Kuss. Mit den „Küsschen“ für unsere Landespolitiker aller Couleur ist es vorbei. Hoffentlich bald. Aber wo sind die Vogels und Weizsäckers von heute?

Very grateful, yours

Dieter Brusberg, Berlin-Westend

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