Meinung : Lord Schröder ist er – nicht Schulze, Müller oder Maier

Der Ex-Kanzler versteht die Würde des Amtes nicht

Robert Leicht

Auch wenn man es bis in die höheren Ränge unserer politmedialen Klasse vergessen zu haben scheint: Es reicht nicht aus, dass man halt echt so ist, wie man ist. Auch Stilfragen gehören zur politischen Kultur. Gegenüber dem etwas ruppigen deutschen „Selbst ist der Mann!“ besteht der Franzose auf der Einsicht: Le style c’est l’homme même – im Stil zeigt sich der Mann selbst. Vor allem in der Großinszenierung des Erinnerungsbandes von Gerhard Schröder. Noch bezeichnender freilich war ein Satz, den Schröder in einem der Interviews fallen ließ, die er als zusätzlichen Treibsatz für den Buchverkauf zündete. Wie er denn nun anzureden sei – Herr Bundeskanzler, Herr Altbundeskanzler? Darauf der Altkanzler: „Man ist vorher Schulze, Müller oder Maier oder eben Schröder. Dann ist man Bundeskanzler. Dann ist man aber wieder Schulze, Maier oder eben Schröder.“

Was auf den ersten Blick so angenehm unpompös daherkommt, ist in Wirklichkeit ein Irrtum und eine Unterdefinition des Amtes eines Regierungschefs und seiner nacheilenden Wirkung, ja anhaltenden Anforderung, also seiner bleibenden Würde und Bürde – und es ist eben durchaus auch in einem weiteren Sinne l’homme même.

Um beim Trivialsten anzufangen: Frühere Regierungschefs bekommen in der Bundesrepublik, neben der Altersversorgung aus ihrer Zeit als Abgeordneter und/oder Regierungsmitglied in Land und Bund, auf Lebenszeit ein Büro gestellt – mit Sekretärin, Referenten, Fahrer. Und dies nicht irgendwo, sondern am Sitz der Regierung. Diese Regelung ist nur verständlich und berechtigt, weil das Gemeinwesen davon ausgeht, dass es seinen früheren Regierungschefs nach wie vor verpflichtet ist – dass aber auch seine Altkanzler ihrerseits noch auf eine besonders diskrete Weise im (ehrenamtlichen) öffentlichen Dienst stehen, also – um es so traditionell zu sagen, wie das heute kaum noch üblich ist – dem Gemeinwesen nach wie vor noch dienen, als elder statesman nämlich. Andere Länder, andere Sitten – aber ähnliche Erwartungen: Britische Premiers zum Beispiel wurden bisher nach ihrer Amtszeit ins House of Lords entsandt, es sei denn, sie zogen es (zunächst noch) vor, im Unterhaus als Oppositionsführer um den nächsten Regierungswechsel und um die Rückkehr nach 10 Downing Street zu kämpfen. Am Ende aber waren sie (Churchill einmal ausgenommen, aber der war ja in jeder Hinsicht eine Ausnahme) niemals wieder Schulze oder Müller, sondern eben Lord Sowieso – und auf Lebenszeit Mitglied einer politischen Institution.

Gerhard Schröder, der sich ja schon in seiner Amtszeit nahezu dagegen wehrte – das sei nämlich seine Sache nicht –, seiner Politik eine tiefere Bedeutung und Begründung zu geben, wollte und will diese kulturell-institutionelle Seite des Kanzleramtes offenbar abschütteln, jetzt so schnell wie möglich – als ob seine gegenwärtigen öffentlichen und kommerziellen Wirkungschancen zustande gekommen wären, weil er nur „Schulze, Maier oder eben Schröder“ wäre. Er beruft sich zur Rechtfertigung seiner Eile auch noch auf seine relative Jugend – denn er sei erst 62 Jahre alt. Zur Erinnerung: Helmut Schmidt war, als er aus dem Amte schied, 64 Jahre alt, so viel älter war das ja nicht – Willy Brandt, Jahrgang 1913, sogar ein Jahr jünger als Schröder. Aber beide sozialdemokratischen Vorgänger Schröders haben die nacheilende Dignitas, haben Würde und Bürde ihres früheren Amtes vorbildlich gewahrt. Aber vielleicht ist Gerhard Schröder gerade darin tatsächlich noch etwas jung, dass er für eine Generation steht, die Vorbilder kaum schätzte, jedenfalls aber Vorbild nicht sein will. Aber es ist nun einmal so: Erst will man da rein, dann fliegt man da raus – aber drin war man doch. Und das sollte man nie vergessen.

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