Meinung : Lose Bindung

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In der Tat: Dass Angela Merkel Ostdeutsche ist, weiß mittlerweile jeder zwischen Bodensee und Usedom. War die Pfarrerstochter früher nicht mal FDJSekretärin? Hat sie in der DDR nicht mal als Physikerin gearbeitet? Als ostdeutsche Politikerin – mit der Betonung auf dem Attribut – ist sie gleichwohl nie in Erscheinung getreten. Nie ist sie vorgeprescht, um mehr Geld für den Osten zu fordern, nie hat sie sich ans Werkstor eines abgewickelten Betriebs gekettet, auf keiner Montagsdemonstration gegen Hartz IV wurde sie gesehen. Angela Merkel hat ihre Karriere in der CDU wohl auch ihrer nüchternen Einschätzung zu verdanken, dass es nicht lohnt, sich für Einzelangelegenheiten zu verkämpfen, wenn das große Ganze auf dem Spiel steht. Freilich: Als Kanzlerin wird sie, wenn sie es denn wird, Farbe bekennen müssen, wie sie es mit den neuen Ländern hält. In Wahlkampfzeiten aber meidet sie dieses Thema tunlichst. Denn wie sie es auch anpackt – es würde nicht gut ankommen. Verspricht sie dem Osten Fürsorge und finanziellen Segen, würde sie vielleicht bald des Wahlbetrugs bezichtigt. Denn das Prinzip der wundersamen Geldvermehrung beherrscht auch die Union nicht. Sagt sie den neuen Ländern aber, dass deren Sparanstrengungen noch immer nicht ausreichen, um die rückläufigen und im Jahr 2019 gänzlich versiegenden Solidarpaktmittel auszugleichen, würde sie das Wählerstimmen kosten. So bleibt sie lieber, was sie ist: Kanzlerkandidatin. Ohne Attribut. sc

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