Meinung : Love Parade: Desaster mit Ansage

Gerd Nowakowski

Hannover, ausgerechnet das spacige Hannover, will in die Bresche springen und die Love Parade ausrichten. Das sollten sich die Raver denn doch nicht antun. Die Love Parade gehört zu Berlin, gehört nach Berlin - auch in diesem Jahr. Die Welt würde zu Recht über die Stadt lachen, wenn die weltweit beachtete Techno-Party ausfiele - weil es dem Senat nicht gelingt, der Parade die Straße zu ebnen. Ob das musikalisch eher abgestandene Spektakel noch in einigen Jahren die Massen auf die Straße bringt, ist eine andere Frage. Die aber beantwortet der Zeitgeist, nicht der Tourismuskalender.

Bis jetzt aber gehört der zweite Sonnabend im Juli zu den Höhepunkten im Berlin-Tourismus, der von Reiseunternehmen, Tourismuswerbern und Hotelbetrieben mit langem Vorlauf vermarktet wird. Der empörte Aufschrei der Branche ist deshalb berechtigt. Vor allem: Der Senat darf sich über die negativen Schlagzeilen nicht beklagen.

Die Landesregierung ist schließlich sehenden Auges in das Desaster gelaufen. Die Kritik an der Route der Love Parade durch den Tiergarten gibt es seit Jahren, und die Bürgerinitiative hat seit langem Aktionen für diesen Sommer angekündigt. Mit der Anmeldung einer Gegendemonstration am angestammten Ort der Love Parade ist die Stadt nun gezwungen, Stellung zu beziehen.

Dafür darf man darf den Protestlern sogar dankbar sein. Seit langem drückt sich Berlin um die Klärung, was die Love Parade eigentlich ist. Dabei sollte längst klar sein: Eine politische Demonstration ist sie nicht - auch wenn die Paraden-Macher um Dr. Motte dies beharrlich behaupten. Aus wirtschaftlichen Gründen. Für sie ist die Parade ein Geschäft. Wer Geschäfte macht, sollte aber auch zahlen - für die Beseitigung des Mülls und die Aufforstung des malträtierten Tiergartens.

Die Techno-Manager jedoch reagieren auf die Probleme seit Jahren mit bemerkenswerter Ignoranz und Arroganz. Beharrlich stellte sich die Planetcom taub gegenüber den berechtigten Interessen des zuständigen Bezirks. Und hatte damit Erfolg. Vom Senat durften sich die Organisatoren in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Die Politiker ließen sich von den gehätschelten Machern auf der Nase herumtanzen.

In diesem Jahr versäumte es Planetcom, die Love Parade frühzeitig anzumelden - und setzte auf eine Art Gewohnheitsrecht. Doch bei Demonstrationen gilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Diese formaljuristische Begründung der Innenverwaltung ist nun aber ebenfalls eine Posse. Der Senat hat die Oberraver einfach von Jahr zu Jahr weiter im rechtlich unklaren Raum wursteln lassen. Wenn die Stadt die Parade unbedingt will, dann muss sie das endlich auch sagen. Und zu den Konsequenzen stehen. Ja, die Parade belästigt Anwohner. Ja, der Tiergarten wird geschädigt. Ja, es gibt ein Müll-Problem. Schwerer jedoch wiegt in der Bilanz das Ereignis, das für Berlin in einzigartiger Weise wirbt und hunderttausende Menschen in die Stadt lockt. Wäre es vorstellbar, dass die Silvesterfeier am Brandenburger Tor nicht stattfinden kann, weil am selben Ort eine Demonstration genehmigt wird? Wohl kaum. Braucht es dazu argumentative Verdrehungen, es handele sich bei der Silvesterfeier um eine politische Veranstaltung? Nein. Die Feier ist eine kommerzielle Veranstaltung, aber sie bringt Berlin weltweit in die Medien - und ist deshalb gut für Berlin. So einfach.

Nur bei der Love Parade gelingt es seit Jahren nicht, diesen ideologisch hübsch zurechtgeflochtenen Knoten zu zerschlagen. Das hat seine Gründe. Am Anfang der Love Parade war der Protest. Die Behauptung aber, sie sei heute immer noch eine Jugendbewegung, ist eine Lebenslüge. Eine sehr einträgliche für Dr. Motte & Co. Sie verdienen viel Geld mit dem Verkauf von Fernseherechten, mit der Vergabe der Lizenz für die Music-trucks und mit der weltweiten Vermarktung.

Der Senat hat es in der Hand, über die Bedingungen zu diskutieren, unter denen die Parade gesichert stattfinden kann. Unter Geschäftspartnern - die miteinander kooperieren, weil jeder den anderen braucht. Ansonsten fährt die Love Parade gegen die Wand. Oder nach Hannover. Hannover aber, das wird selbst Dr. Motte zugeben, ist denn doch nicht die wirkliche Raverhauptstadt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben