Meinung : Lückenfüller

Noch fehlen viele Lehrstellen – aber Regierung und Wirtschaft können nicht alles richten

Alfons Frese

Skinheads im Praktikum? Wenn die Rechten von der Straße kommen, etwas Vernünftiges lernen und den eigenen Lebensunterhalt verdienen, dann verebbt die braune Welle vielleicht von selbst. Und der Ausbildungspakt der Regierung mit der Wirtschaft hätte ein großes Ziel erreicht. Vielleicht. Minister und Arbeitgeberpräsidenten versprechen jedem Jugendlichen unter 25 Jahren ein Angebot; entweder eine praktische Ausbildung oder eine schulische Qualifikation. Und wer den gewöhnlichen Anforderungen in der Erwerbsgesellschaft (noch) nicht gerecht wird, der bekommt eben eine so genannte Einstiegsqualifikation im Rahmen eines mehrmonatigen Praktikums. Das ist ein gute Sache. Auch wenn den meisten Rechten damit nicht geholfen werden kann.

Viele Jugendliche, das hat uns der vergangene Wahlsonntag in Erinnerung gebracht, halten nicht viel von diesem Staat. Vielleicht auch deshalb, weil sie nicht wissen, wie der sich manchmal um sie bemüht. Zum Beispiel auf dem weiten Feld der Arbeitsmarktpolitik: Vor ein paar Jahren brachte die Regierung das „Jump“-Programm (für Jugend mit Perspektive) auf den Markt. Mit Milliarden finanzierte der Bund diverse Maßnahmen und Instrumente, damit Jugendliche Arbeit bekommen. Das war ein Lieblingsprojekt des damaligen Arbeitsministers Walter Riester.

Sein Nachfolger Wolfgang Clement hat mit der Wirtschaft vor ein paar Monaten den Ausbildungspakt ausgehandelt und nimmt dafür auch Steuergeld in die Hand. Allein für die Einstiegsqualifikationen gibt der Steuerzahler 270 Millionen Euro aus. Jeder Jugendliche im Praktikum bekommt 200 Euro im Monat, und die Sozialversicherungsbeiträge zahlt auch der Bund. Ist das nichts? In der Diskussion um Ausbildungsplätze wird immer mit einer Menge Zahlen gearbeitet. So viele Jugendliche suchen einen Platz, so viele Plätze gibt es, daraus ergibt sich die Lücke in der Größenordnung X, dazu kommt ein Überhang Y aus den vergangenen Jahren und ohnehin sind nur Z Prozent der Schulabgänger überhaupt ausbildungsgeeignet. Schließlich poliert jeder die Zahlen so, wie es ihm am besten passt.

Unstrittig ist, dass die Jugendlichen Teil des Problems sind. Der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss ist stetig gewachsen, auch bei vielen jungen Leuten mit Abschluss reicht es kaum für eine dreijährige Facharbeiterausbildung im dualen System. Zu schlecht sind die Schulen, zu erbärmlich das Umfeld der Kinder, nicht zuletzt die Zustände in manchen Familien. Sofern überhaupt von Familie gesprochen werden kann. Die Allgemeinheit kann den Eltern die Erziehungsleistung aber nur sehr begrenzt abnehmen, etwa durch Unterricht im Kindergarten oder mehr Ganztagsschulen. Auch in diesem Punkt setzt die gegenwärtige Bundesregierung einen Akzent. Und muss sich womöglich trotzdem und nicht zuletzt von den Eltern beschimpfen lassen, die noch nicht einmal mit ihrem 15-jährigen Sohn ein Diktat geübt haben.

Ob der Ausbildungspakt von Regierung und Wirtschaft trägt, wissen wir Ende des Jahres. Schon heute ist sichtbar, dass sich zumindest die Verbandsbosse krumm machen und die Kammern schwer ins Zeug legen, um bei den Firmen die Bereitschaft zu mehr Lehrstellen zu fördern. Der Pakt ist richtig, weil er auf Freiwilligkeit setzt. Denn wenn sich Unternehmen und ihre Organisationen das gesellschaftliche Zukunftsprojekt Ausbildung zu Eigen machen, dann darf mehr Motivation erwartet werden als bei einer Zwangsmaßnahme, wie sie Gewerkschaften und Teile der SPD fordern. Wenn der Pakt aber scheitert, dann kommt das Bürokratiemonster Ausbildungsumlage aus der Kiste gesprungen. Und das gerühmte duale Ausbildungssystem wäre am Ende. Das können zukunftsorientierte Unternehmen nicht wollen.

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