Meinung : Lügen haben schnelle Beine

Lorenz Maroldt

Manchen Fußballern fehlt es an Talent. Sie können dribbeln, grätschen, Tore schießen und Tore verhindern, aber sie kommen nicht groß heraus. Sie können nämlich nicht lügen. Wer immer nur die Wahrheit sagt, wird nie ein erfolgreicher Fußballspieler. Zumindest kein gut bezahlter, denn Lügen ist Geschäftsgrundlage. Als Stefan Effenberg noch bei Borussia Mönchengladbach spielte, wurden Gerüchte über einen Wechsel zu Bayern München mit der Information angereichert, der Spieler habe bereits ein Haus in München gekauft. Eine dreiste Lüge sei das, log Effenberg damals dreist. Es war nicht die einzige Lüge seiner Karriere. Wir wissen, wie die Geschichte weiterging. Effenberg wurde ziemlich reich.

So gesehen, müsste es sich bei Sebastian Kehl vom SC Freiburg um einen äußerst begabten Ertragsfußballer handeln, denn Uli Hoeneß hat ihn einen Lügner geschimpft. Und Hoeneß, man weiß es spätestens seit dem Fall Daum, versteht viel von Fußball.

Warum uns das alles interessieren könnte? Weil der Fall Kehl zeigt, wie sich eine Branche aus Gewinnsucht immer schamloser über die Regeln unserer Gesellschaft hinwegsetzt - über moralische, aber auch über juristische. Und das geht alle an.

Sebastian Kehl ist nach Meinung seines DFB-Trainers Hannes Löhr ein guter Spieler, dessen Selbstvertrauen allerdings größer ist als sein Können. Aber, sagt Trainer Löhr, Kehl ist dermaßen von sich überzeugt, dass er allein deshalb schon besser spielt, als es seine Fähigkeiten eigentlich zulassen. Uli Hoeneß ist der erfolgreichste, vielleicht beste Manager im deutschen Fußballgeschäft. Jedenfalls war er es bisher. Wer sich mit Hoeneß anlegt, muss entweder größenwahnsinnig sein, so wie Christoph Daum. Oder ein bisschen unbedarft. So wie Sebastian Kehl?

Der Freiburger Nationalspieler hatte sich vor einem guten halben Jahr mit Hoeneß heimlich darüber verständigt, dass er spätestens 2003 nach München kommt. Dafür bekam Kehl im Mai einen Scheck über 1,5 Millionen Mark, den er auch einlöste. Vor kurzem aber schickte Kehl das Geld zurück, weil er nun vielleicht doch lieber für Borussia Dortmund spielen wollte.

Scheinbar ähnliche Fälle hat es immer mal wieder gegeben. Aber hier geht es um mehr als einen wankelmütigen, schlecht beratenen jungen Spieler.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, Kehls Selbstvertrauen ist in Wahrheit Größenwahn. Oder er ist nur ein ganz normaler, zu schnell hochgelobter 21-Jähriger, den es ein bisschen überfordert, wenn er plötzlich von Uli Hoeneß einen Millionenscheck bekommt.

Hoeneß kann es egal sein, warum er verliert. Aber weil er, wie die meisten erfolgreichen Menschen, nicht gut verlieren kann, kämpft er. Hoeneß möchte beweisen, dass es nicht nur eine mündliche Vereinbarung mit Kehl gab, sondern eine Art Vertrag. Aber damit erheben die Bayern Klage gegen sich selbst. Sie bewiesen nämlich, dass sie mindestens in diesem Fall gegen das Recht verstoßen haben, und zwar gegen Paragraf 4 der Lizenzordnung. Die sieht vor, dass Verträge mit einem Spieler eines anderen Vereins frühestens ein halbes Jahr vor Ablauf ihres alten Vertrages abgeschlossen werden dürfen. Kehl aber ist bis mindestens Sommer 2002 an Freiburg gebunden. Ein Verstoß der Bayern, dokumentiert von den Bayern.

Uli Hoeneß in der Falle. Da sehen die anderen gerne. Und sie lernen davon, wieder einmal. Denn das ist die erste Erkenntnis aus dem Fall Kehl: Borussia Dortmund widerlegt das Fußballgesetz, dass Hoeneß jeden Spieler haben kann, wenn er will. Die zweite Erkenntnis: Fußball ist ein schmutziges Geschäft, und das nicht nur im Regen. Die dritte: Auf dem Transfermarkt ist Deutschland immer noch zweite Liga. Für den Weltfußballer des Jahres, Luis Figo, müssen mindestens 380 Millionen Mark bezahlt werden. Und das ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit.

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