Meinung : Lungen pfeifen lassen

Kinder werden oft unnötig gegen Asthma behandelt

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Alexander S. Kekulé Für Asthmatiker ist der Frühling eine schreckliche Jahreszeit. Wenn Pollen in ihre Lunge eindringen, spielt die Schleimhaut verrückt. Sie wehrt sich gegen den harmlosen Pflanzenstaub, als wäre es ein hoch gefährlicher Krankheitserreger: Die Atemwege entzünden sich, schwellen an und laufen mit Schleim voll. Zugleich verkrampfen sich die kleinen Verzweigungen der Bronchien, um die vermeintlich schädliche Luft draußen zu halten – die Patienten bekommen Atemnot und Husten, in seltenen Fällen können sie sogar ersticken.

Warum ein Teil der Menschen im Laufe des Lebens Asthma bekommt und die anderen nicht, ist bis heute ein Rätsel. Sicher ist nur, dass die genetische Veranlagung eine wichtige Rolle spielt. Nach der Geburt gelten Stillen und eine ländliche Umgebung als Schutz gegen Asthma, während übertriebene Sauberkeit und rauchende Mitbewohner das Risiko erhöhen. Etwa fünf Prozent der erwachsenen Deutschen leiden an Asthma, das auch durch Tierhaare, Hausstaub und viele andere organische Stoffe ausgelöst werden kann. Bei manchen Asthmatikern genügen sogar schon kalte Luft, körperliche Belastung oder Stress, um einen Anfall zu provozieren.

Weil Asthma meist im Vorschulalter beginnt, wird die Diagnose in der Regel von Kinderärzten gestellt. Für die Betroffenen hat das erhebliche Folgen: Die Kleinen müssen mehrmals täglich Kortison (und andere Medikamente) inhalieren, Medizinfläschchen und Inhalatoren werden ihre ständigen Begleiter. Sie spüren die Angst der Eltern vor der Krankheit, dürfen oft nicht mehr draußen spielen oder toben. Viele werden von sich aus übervorsichtig und trauen sich nichts mehr zu – die psychischen Auswirkungen von kindlichem Asthma füllen Lehrbücher.

Dazu hat die Dauerbehandlung mit Kortison erhebliche Nebenwirkungen. Das Hormon hemmt das kindliche Wachstum. Es führt häufig zu Übelkeit und Magenbeschwerden, Halsentzündungen gelten sogar als „sehr häufig“. Hinzu kommen zahlreiche seltenere, teilweise gefährliche Nebenwirkungen.

All das ist natürlich gerechtfertigt und unvermeidlich, wenn die Leiden schwer asthmakranker Kinder gelindert werden müssen – diese Voraussetzung trifft aber in den wenigsten Fällen zu. Eine Entwicklungsphase mit leichten, asthmaähnlichen Symptomen machen sehr viele Kleinkinder durch: In der kalten Jahreszeit und bei Virusinfekten hört der Arzt durch das Stethoskop ein pfeifendes Lungengeräusch. Meistens beeinträchtigt dieses gelegentliche „Giemen“ („wheezing“) die Kinder nicht und verflüchtigt sich im Laufe der Jahre. Nur ein kleiner Anteil dieser „happy wheezers“ entwickelt nach und nach ein echtes, behandlungsbedürftiges Asthma.

Die „happy wheezers“ könnten glückliche und normale Kinder sein – wenn sie nicht von der Pharmaindustrie als riesiger, lukrativer Markt entdeckt worden wären. Deren Vertreter verbreiten bei Kinderärzten seit Jahren die Mär, man müsse die Giemer prophylaktisch mit Kortison behandeln, um die Entwicklung eines echten Asthmas zu verhindern. Weil viele Eltern die Kortisontherapie scheuen, versucht der Hersteller MSD derzeit seine Neuentwicklung „Singulair“ an das Kind zu bringen: Obwohl Singulair nur für besondere Fälle von echtem Asthma zugelassen ist, preist die MSD-Verkäufertruppe die hellblauen Kautabletten für giemende Kleinkinder an. Die langfristigen Nebenwirkungen des neuartigen Wirkstoffes sind jedoch unbekannt. Singulair greift in den „Arachidonsäureweg“ ein, wie der Entzündungshemmer Vioxx. Den hatte MSD genauso euphorisch beworben – und musste ihn Jahre später wegen tödlicher Nebenwirkungen vom Markt nehmen.

Ärzte können sich gegen die Desinformationspolitik der Industrie nur durch intensive Fortbildung und Fachlektüre wehren. Die unter Kinderärzten erschreckend weit verbreitete Ansicht, Kortison könnte bei „Wheezern“ die Entwicklung von Asthma verhindern, wurde nie wissenschaftlich belegt. Dafür zeigen im renommierten „New England Journal of Medicine“ diese Woche gleich zwei große Studien, dass die nebenwirkungsreiche Therapie die Entstehung von Asthma nicht verhindern kann. Hoffentlich finden die überarbeiteten Mediziner Zeit, sie zu lesen.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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