Meinung : Macht über den Tod hinaus

Johannes Paul II. verschafft der Kirche ungeahnte Aufmerksamkeit. Was macht sie daraus?

Christoph von Marschall

Darf man nach vier Tagen Weihrauch fragen, was dieser Papst nicht erreicht hat? Jedenfalls noch nicht. Nach Lady Dianas Unfalltod 1997 trauerten allein in Londons Straßen zwei Millionen Menschen. Ihre Beerdigung verfolgten zwei Milliarden im Fernsehen. Was jetzt in Rom geschieht, ist also nicht einmalig. Und sage keiner, die massenhafte Anteilnahme am Tode eines äußerst beliebten Prominenten sei erst im TV-Zeitalter möglich – und nur Kunstprodukt eines Medien-Hypes. 1952 pilgerten in Buenos Aires 700 000 Argentinier zur aufgebahrten Evita Peron und warteten bis zu 15 Stunden, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Wird Johannes Paul II. das toppen?

Und doch ist unzweifelhaft, dass dieser Mann über seinen Tod hinaus eine außergewöhnliche Macht ausstrahlt. Nicht nur, als oberflächlichstes Merkmal, weil die wohl prominenteste Hochzeit des Jahres wegen seiner Beerdigung verschoben wird. Oder die mächtigsten Menschen der Erde bis hinaus zum US-Präsidenten anreisen und Deutschland gleich durch die drei höchsten Repräsentanten vertreten ist: Präsident, Parlamentspräsident und Kanzler. Wann sonst geschieht das?

Politisch wird sich noch zeigen, dass der tote Papst – mehr noch als der lebende – sogar Wahlen entscheiden kann: in Polen im Juni. Schon jetzt streiten die Wahlkämpfer darum, wer wie dabei sein darf am Freitag in Rom. Ist das makaber? Ja. Aber auch das belegt Macht über den Tod hinaus.

So groß ist das Interesse an ihm, dass man sich fragt, ob es im Leben Johannes Pauls II. eine Woche bis Zehn-Tage-Spanne gab, in der er mehr geballten Einfluss nahm. Seit Tagen, wenn nicht seit Wochen folgen 1,2 Milliarden Katholiken weltweit, aber auch viele Nichtkatholiken dem Geschehen in Rom mit einer Aufmerksamkeit, die sie dem lebenden Papst und seinen Lehren nicht geschenkt hatten. Mit dem öffentlichen Altern und Leiden, das so viele beeindruckt hat, und dem öffentlichen Sterben war diese Ergriffenheit so vieler Millionen keineswegs zu Ende. Sie setzt sich jetzt fort in den Pilgerreisen nach Rom, den Fragen nach dem persönlichen Testament, nach den Vorschriften für Beerdigung und Konklave.

Und in der Debatte um seine Nachfolge, die Maß nimmt an dem, was er geleistet oder versäumt hat. Etwas pathetisch gesagt, erlebt die Menschheit in diesen Tagen ihre gläubigsten Stunden sowohl der letzten circa zwanzig Jahre wie der nächsten zehn bis zwanzig – oder zumindest der größten Neugier auf den Glauben.

Und nur wenn das nächste Pontifikat nochmals sehr lang dauert, könnte das erneut so sein. Je kürzer, desto mehr Menschen leben noch, die in der Lage beim Tod des nächsten Papstes nur die Wiederholung des von heute Bekannten sehen werden. So aber sind diese Tage voller Rituale und Traditionen, die viele Menschen in ihrem religionsentleerten Alltag nicht mehr automatisch verstehen, auch ein Crashkurs über das Christentum. Zuerst für die Medien, die oft hilflos vor der Aufgabe standen, Handlungen und Symbole richtig zu deuten. Aber wer sonst, wenn nicht die Journalisten, die es zum Großteil selbst erst lernen müssen, soll den Mediennutzern erklären, was sich öffnende oder schließende Türen und Fenster bedeuten?

Mit seinem Tod verschafft der Papst seiner Kirche eine Aufmerksamkeit, die sie lange nicht hatte. Welche Chance, Menschen, die hoffnungslos geworden sind, an sich zu binden! Kann die Kirche sie nutzen – und das Fenster zum Glauben, das sich ein wenig unerwartet für Millionen öffnet, dauerhaft offen halten? Gerade dafür fehlt Johannes Paul II. Auf die Menschen zugehen konnte er wie kaum ein anderer Kirchenführer.

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