Macht und Moral : Putin und Erdogan - erst kommt das Fressen

Toleranz, Menschenrechte, Demokratie, Gerechtigkeit? Schön wär’s. Die Beispiele Putin, Erdogan und Modi zeigen: Es kommt auf die Wirtschaft an. Wer Wohlstand sichert, sichert sich die Macht.

von
Russland Präsident Putin und der türkische Premier Erdogan
Russland Präsident Putin und der türkische Premier ErdoganFoto: dpa / Montage

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Das schreibt Goethe im Gedicht über „Das Göttliche“. Und so geht der Vers weiter: „Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.“ Was den Menschen aber nicht von diesen anderen Wesen unterscheidet, ist die stete Sorge um sein Wohlergehen, um Essen, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, den Nachwuchs, die Nahrung, kurzum: das Materielle, das Fleisch, das Fressen. Erst dann kommt bekanntlich die Moral.

Schlaue Wahlkämpfer wissen das. James Carville, der Berater von Bill Clinton, hängte 1992 an dessen Wand im Hauptquartier in Little Rock – den legendären „war room“ – eine Liste mit drei Slogans, von denen der zweite zum geflügelten Wort wurde: 1. „Change vs. more of the same“ („Veränderung kontra Weitermachen“), 2. „The economy, stupid“ („die Wirtschaft, Dummkopf“), 3. „Don’t forget health care“ („Vergiss nicht das Gesundheitswesen“). Ein Jahr zuvor, im Frühjahr 1991, hatte der amerikanische Präsident George H. W. Bush auch wegen des Golfkrieges eine Zustimmungsrate von 90 Prozent. Clinton schlug ihn trotzdem, und Carville wurde zum Wahlkampfmanager des Jahres ernannt. „It’s the economy, stupid.“

Man misstraue den edlen Motiven

Zu oft wird diese schlichte Weisheit verdrängt, zumal im gut situierten Westen. Ist das Leben nicht größer und reicher? Geht es nicht vorrangig um Humanität, Toleranz, Menschenrechte, Demokratie, Gerechtigkeit? Schön wär’s. Doch man misstraue den edlen abstrakten Motiven, solange sich nicht banalere und konkretere finden lassen. Als sich der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010 selbst verbrannte – und dadurch den Arabischen Frühling auslöste –, war er verzweifelt: Wegen einer fehlenden Genehmigung war sein Stand geschlossen, die Lizenz konfisziert und seine Produkte beschlagnahmt worden, die Beschwerde bei der Stadtverwaltung blieb erfolglos, auf der Polizeiwache wurde er gar misshandelt.

Zu der Zeit lag die Jugendarbeitslosigkeit in Nordafrika bei 30 Prozent, die Regime waren korrupt, die Nahrungsmittelpreise stiegen, die Armut grassierte. In Ägypten etwa lebten 32 von 80 Millionen Einwohnern von weniger als zwei Dollar am Tag. Natürlich gab es den Wunsch nach größerer Freiheit, nach einem Ende von Tyrannei und Diktatur, nach Zivilität und Rechtsstaatlichkeit. Doch entfacht wurde der Furor, der die Menschen auf die Straße trieb, von sehr elementaren Bedürfnissen. Ihnen das anlasten zu wollen, wäre arrogant. Es schmälert auch nicht ihren Mut und ihre Charakterstärke.

Wie war es denn bei der friedlichen Revolution in der DDR vor 25 Jahren? Empörten sich die Menschen über Bautzen, Hohenschönhausen, Stasi und Einheitsmedien? Oder wollten sie mehr reisen können, Westwaren besitzen, Wohlstand genießen? „Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr“, stand auf den Bannern. Und richtig sauer wurden viele vor allem, als Ende November 1989 die Wandlitz-Reportage „Einzug ins Paradies“ im Fernsehen lief und aufgrund der dort gezeigten Obstschalen den Neid auf die Bonzen entfachte.

Und das Allzumenschliche triumphiert über das Menschliche

It’s the economy, stupid. Seit Wladimir Putin in Russland herrscht, wächst die Wirtschaft, steigen die Löhne, bleibt die Arbeitslosigkeit konstant niedrig, hat sich das Bruttosozialprodukt pro Kopf mehr als verdoppelt, die Zahl der zugelassenen Autos fast verdreifacht. Außerdem stillt Putin regelmäßig die Sehnsucht nach der guten, alten bipolaren Zeit, als die Sowjetunion die einzige Macht war, die dem Westen die Stirn bieten konnte. Kann es wirklich überraschen, dass die Einwohner eines zwischen Stolz und Schmach zerrissenen Landes, das den Großen Vaterländischen Krieg gewann, aber den Kalten Krieg verlor, an ihrer Spitze einen starken, muskulösen, vor Kraft strotzenden Mann sehen wollen, mit nacktem Oberkörper, im Kampfflugzeug und Judo-Anzug?

Oder Recep Tayyip Erdogan. Seit er regiert, steigt der Lebensstandard in der Türkei. Gute Noten gibt’s ebenso für Infrastruktur, Haushalt, Dienstleistungen, Gesundheitssystem – und für Wachstumsraten, von denen Europäer nur träumen können: Ist es ein Wunder, wenn das für viele Türken unter dem Strich mehr zählt als Autoritarismus, Unabhängigkeit der Medien, Gewaltenteilung und die Verbote von Youtube und Twitter? Solche Abwägungen sind hart, das Ergebnis oft bitter. Doch Kochtopf schlägt herrschaftsfreie Kommunikation. Und das Allzumenschliche triumphiert über das Menschliche.

Indiens neuer Premier Modi soll Arbeitsplätze schaffen

It’s the economy, stupid. Das hat sich nun auch in Indien gezeigt. Die Wachstumsraten sind in den vergangenen Jahren um die Hälfte geschrumpft, die Preise steigen, unter der ehemals herrschenden Regierungskoalition nahm die Korruption endemische Ausmaße an. Zwischen vier und zwölf Milliarden Dollar an Bestechungsgeldern sollen Politiker in der vergangenen Legislatur angenommen haben. Die Hälfte der indischen Bevölkerung ist jünger als 26 Jahre. Sie wollen vor allem, dass der neue Premier von den Hindu-Nationalisten, Narendra Modi, Arbeitsplätze schafft, die Infrastruktur saniert und die Wirtschaft ankurbelt.

„Heil den unbekannten, höhern Wesen, die wir ahnen! Ihnen gleiche der Mensch! Sein Beispiel lehr’ uns jene glauben.“ So heißt es bei Goethe weiter. Mit zwei Ausrufungszeichen. Wer das schafft, sei gepriesen. Es von anderen zu erwarten, ist meist zu viel verlangt.

Autor

24 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben