Meinung : Machtkampf in Jugoslawien: Die unvollendete Revolution

Stephan Israel

Ein gestürzter Autokrat gibt sich nicht einfach so geschlagen. Slobodan Milosevic hat zwar die Niederlage bei den Präsidentenwahlen unter dem Druck der Straße anerkannt. Doch er wird weiterhin versuchen, seine Fäden zu ziehen. Milosevic wird alles daran setzen, von seinem Bunker im Nobelvorort Dedinje aus, auf ein Comeback hinzuarbeiten. Er lebt dort oben zusammen mit seiner Frau in einer eigenen Welt. Das politische Paar sieht sich als Opfer einer Verschwörung. Gemeinsam lebte man schon vor dem Gang in den Bunker von der realen Welt abgeschnitten. Die kleine Welt der Kameraden in Leben und Politik ist nun noch enger geworden. Serbien ist aber vor Milosevic erst sicher, wenn der Kriegsverbrecher in der Heimat oder in Den Haag zur Rechenschaft gezogen wird. Milosevic in Freiheit wird für die demokratische Opposition Serbiens immer eine Hypothek sein.

Die Ankündigung des Autokraten, auch weiterhin eine politische Rolle spielen zu wollen, muss wie eine Drohung klingen. Das Comeback liegt zwar nicht in der Reichweite des gestürzten Autokraten. Doch Slobodan Milosevic kann seinem Nachfolger Vojislav Kostunica das Leben schwer machen, Reformen und Öffnung des Landes Richtung Europa verzögern oder sabotieren. Die Euphorie von vergangener Woche war verfrüht, weil die Revolution unvollendet ist. Das Volk auf den Straßen Belgrads hat den Autokraten gezwungen, die Niederlage bei der Präsidentenwahl zu akzeptieren. Die Opposition hat ihre Anhänger zu früh nach Hause geschickt.

Vojislav Kostunica, der demokratisch gewählte Präsident, ist ein Legalist, der die rechtsstaatlichen Prozeduren einhalten will. Das spricht einerseits für ihn. Gleichzeitig macht er sich von der Bereitschaft zur Kooperation und dem guten Willen der alten Regimeparteien abhängig. Und dort hat man kein Interesse, dass die Geschichte der Revolution eine Erfolgsstory wird.

Eine Woche nach dem Volksaufstand präsentiert sich das Land in einer gefährlichen Pattsituation. Der neue Präsident Kostunica ist ein Mann mit wenig Macht. Er kann sich nur auf seine moralische Autorität berufen. Die Menschen im verarmten Land wollen schnelle Resultate und einen besseren Lebensstandard. Und der vertriebene Autokrat hat seine Leute überall. Die haben nichts mehr zu verlieren. Sie können nicht einfach in Rente gehen, weil sie sich unter einer neuen Regierung vor Strafverfolgung fürchten müssen.

Sie haben ihr Schicksal an das des Autokraten geknüpft. Auch sie können nicht mehr regieren. Sie haben aber ein Interesse daran, dass die Pattsituation möglichst lange anhält und sich die Fronten zwischen gestern und heute verwischen. Und im Reich von Slobodan Milosevic gibt es genug Leute, die offene Rechnungen zu begleichen haben. Wer kontrolliert die Polizei? Die Männer in den blauen Uniformen sind seit Tagen von den Straßen verschwunden. Die Polizei ist führungslos und wartet ab, wer im Konflikt die Oberhand behält. Die demokratische Opposition Serbiens hat dort nur Zusagen, aber nichts zu sagen. Auch bei der Armeespitze ist die Sache nicht klar. Die Unterstützungserklärungen der höchsten Militärs sind Lippenbekenntnissen. Gestern noch hat man loyal die Befehle des Autokraten ausgeführt. Kostunica fehlen Mut oder Kraft, die Armeeführung schnell auszuwechseln.

Milosevic hat alles Interesse, dass das Land ins Chaos abgleitet. Er kann dann triumphieren und sagen, dass seine Nachfolger gescheitert sind. Das wäre das schlechteste Szenario für das Land. Kein Comeback des Diktators, aber ein Machtvakuum das den Neuanfang verzögert.

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