Meinung : Machtwechsel in Berlin: Mehr als nur Glamour

Lorenz Maroldt

In Berlin antreten? Bloß nicht! - Das war so die Meinung außerhalb der städtischen Kreise, jedenfalls bis vor wenigen Tagen. Die Beispiele aus jüngerer Zeit - Jörg Schönbohm, Christa Thoben, Annette Fugmann-Heesing - waren ja auch zu abschreckend: alle weggebissen vom großen Heimathauptstadtverein. Doch der frische Wind, den die Neuen hereinwehen ließen, kribbelt manchem noch heute schön in der Nase. Allein - es wollte ja niemand mehr kommen.

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Fototour: Die Bilder der Krise Plötzlich ist alles anders. Der Bruch der Koalition hat den Blick freigelegt auf eine politische Bühne, die Spannung und Ansehen verspricht. Die Bundesparteien schauen nicht mehr nur zu oder weg. Sie greifen ein - und sie wissen, warum. Berlin ist nicht irgend eine Stadt. Berlin ist die Hauptstadt der Republik. Hier kreuzen die Wege der großen Politik ständig die Wege der kleinen. Es gibt gemeinsame Interessen - und deshalb ist es eben doch ganz bedeutsam, wer in Berlin Amt und Einfluss hat.

Auf einmal wird ernsthaft mit Namen gehandelt: mit Schäuble, Gysi und Özdemir, Töpfer, und, ja: den Lafontaine, den fragen wir morgen gleich auch noch einmal. Wer will da von politischem Abstieg sprechen?

Aber dieses Spiel ist auch gefährlich. Die Sehnsucht nach einem strahlenden Senatskanzler kann in blinde Begeisterung führen: Was den Wünschen der Fernsehgesellschaft genügt, muss nicht gleich gut genug sein für die Stadt. Das wären Berliner Festwochen für Christiansen und Raab, für Illner und Schmidt. Nur - was hätte Berlin davon? Der Traum von einem ganz anderen Senat kann auch ganz schnell zum Alptraum werden. Wer glaubt, diese Stadt ließe sich so präsidial führen wie noch vor zwanzig Jahren oder eben vom TV-Studio aus, hat nichts verstanden. Das wird harte Arbeit.

Ein Argument gegen große Namen allein ist das nicht. Nur eine Warnung. Denn, ganz klar: Leute mit Erfahrung in der Bundespolitik, mit guten Kontakten und entsprechender Autorität würden hier dringend gebraucht - neben den Talenten, die es auch in Berlin durchaus gibt. Gesucht werden also keine Stars der politischen Operette. Sondern glänzende Handwerker. Wolfgang Schäuble, um mal einen zu nennen, der schon von anderen genannt wird: Der wäre so einer. Er hat den Einheitsvertrag gemacht und den Umzugsbeschluss erkämpft, er ist also schon fast ein Berliner. Klaus Töpfer ist ein anderer, sehr interessanter Name, was die Kompetenz betrifft und die Person. Töpfer kennt Berlin ausgezeichnet, ist aber nicht in seinen Strukturen verfangen. Er mag die Stadt und versteht es, deren Protagonisten für sich einzunehmen. Und er hat, was Widerstände betrifft, eine ganz besondere Referenz: Als Bauminister hat Töpfer den trickreich behinderten Hauptstadtumzug ziemlich perfekt auf den Weg gebracht. Hier der Architekt der Einheit, dort der Baumeister der Einheit - das ist jetzt das Niveau.

Manche zweifeln, ob das zusammengeht: außen und innen, neu und alt. Aber es sind ja gerade die dramatischen Gegensätze und Widersprüche, die in Berlin seit dem Fall der Mauer Funken schlagen. Gesellschaftlich und kulturell ist dieser Prozess in vollem Gang. Niemand wird ernsthaft sagen, das habe der Stadt geschadet. Jetzt ist, endlich, auch die Politik soweit. Mal sehen, was sich daran noch so alles entzündet.

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