Meinung : Märchenland ist abgebrannt

Zur Berichterstattung über Ägypten

„Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“ rief Ernst Reuter zur Mobilisierung gegen die sowjetische Blockade Berlins. Die Völker schauen auf Kairo. „Wir sind das Volk“, riefen Deutsche in großen Demonstrationen und setzten dadurch die friedliche Einheit Deutschlands durch. Während Politiker sich diplomatisch zögerlich äußern, sollten wir alle in Berlin, London, Madrid, Rom und Paris auf die Straße gehen und für muslimische und christliche Ägypter aus Solidarität demonstrieren. Dieses Volk beweist, es ist reif für die Demokratie.

Rainer Kappe, Berlin-Lichterfelde

Wer jahrzehntelang von Demokratie, Menschenrechten, sozialer Gerechtigkeit spricht, andererseits aber keinen demokratischen Staat aufkommen lässt, sondern korrupte Despoten generationenlang toleriert und fördert, braucht sich über den politischen Ausbruch nicht zu wundern. Mubarak wollte seinen Sohn als Nachfolger nominieren: In Ägypten sollten nordkoreanische Verhältnisse eingeführt werden und die USA und Israel sollten schweigend zustimmen. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Bis dahin war Mubarak der einzige Garant für die USA gegen die Muslim-Bruderschaft und andere Oppositionsgruppen. Ob man es im ruhigen Westen wahrhaben will oder nicht, die politische Eruption in Ägypten und vorher in Tunis ist nichts anderes als die Folge politischer Heuchelei des Westens, besonders der USA. Nun obliegt es dem Westen, den Schaden zu begrenzen.

Radin N. Soetarjono,

Berlin-Lichtenrade

Ich schäme mich. Deutschland - mit oder ohne EU - muss eindeutig Stellung beziehen. Das ist alternativlos, Frau Bundeskanzlerin. Rein vorsichtshalber: Stellung beziehen für den sofortigen Rückzug Mubaraks. Ich schäme mich, dass die Menschen in Ägypten bisher keine eindeutige Stellungnahme aus Deutschland hörten. Ich schäme mich, dass ich nicht wusste, wie die Menschen in Ägypten unter Mubarak gelitten haben. Es macht mich zornig, dass wir Deutschen schlecht oder falsch informiert sind, was los ist bei unseren diktatorisch regierenden „Freunden“ in der Welt.

Archim Frey, Berlin-Schöneberg

Es ist erstaunlich, wie lange die Völker Nordafrikas die doppelte Ausbeutung ertragen haben, auf der einen Seite die materielle, durch säkulare Autokraten, andererseits die ideelle, durch „religiöse“ Gruppierungen. Lange genug hat der Westen zugesehen, wie arabische Despoten im Schulterschluss mit korrupten Eliten in Tunesien, Ägypten, Marokko oder Algerien, ihre Länder ausplünderten und als Bollwerke gegen islamischen Fundamentalismus genutzt haben. Dass weite Teile der Bevölkerung dabei in der Steinzeit verharrten, ihrer Freiheit beraubt und die Religion dabei, unbeabsichtigt, die Komplizenschaft dieses feudalistischen Gebarens übernahm, in dem sie die einfachen Menschen in Askese hielt, interessierte niemanden. Dabei haben die Autokraten und die Religiösen (Muslimbruderschaft) gegenseitig voneinander profitiert. Die Ungebildeten und Armen haben Zuflucht in der Religion gesucht und so den religiösen Gralshütern zu Gewicht und Einfluss verholfen. Gleichzeitig hat sich die Oberschicht ungestört und ungeniert bereichert. Eine gut ausgebildete und aufgeklärte Jugend lässt sich heute auf diesen Kuhhandel nicht mehr ein. Sie will endlich teilhaben am Wirtschaftswachstum und Einfluss nehmen auf die Geschicke des Landes, sich nicht mehr einen Maulkorb verpassen und mit Jenseitsparadiesgeflöte vertrösten lassen. Die Säkularisierung der Gesellschaften schreitet unaufhaltsam voran. Die religiösen Kreise haben ihre Chance verspielt, die Rolle eines sozialen Komplementärs zu übernehmen, der für Bildung, Jobs, Freiheit und Chancengleichheit sich einsetzt. Sie vermochten ihr Versprechen, einer Besserung der Lebensverhältnisse der Unterschicht, nicht einzulösen. Im Gegenteil, ihr religiös gefärbter Fundamentalismus trug zur tieferen Spaltung der Gesellschaft bei. Es wird nicht einfach sein, die Befürworter einer säkularen demokratischen Gesellschaft, der Trennung von Staat und Religion, mit Anhängern eines islamischen Gottesstaates an einen Tisch zu bringen.

Wolfgang Gerhards, Berlin-Tempelhof

Es ist ein eindeutiges Zeichen der westlichen Welt gefragt. Auch aus Deutschland, liebe Frau Merkel, Herr Westerwelle. Ich erwarte von Ihnen und anderen Regierungen klare und einfache Botschaften. Barack Obama hat es in seiner damaligen Wahlkampfrede geschafft, das mit einem einzigen Wort zu beschreiben: „Change“. Und das muss endlich die Nachricht aus unseren Breitengraden an das ägyptische Volk und Mubarak sein. Ja, es besteht die Gefahr eines Machtvakuums, das extremistische Kräfte für sich nutzen könnten. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass der Westen tätig wird. Jetzt (!), nicht nach der nächsten Demo und nicht nach dem nächsten toten Demonstranten. Die Lage in Ägypten ist nicht wie 1989 an der Berliner Mauer. Im Land am Nil begeben sich Menschen in höchste Lebensgefahr, um einen Diktator zu Fall zu bringen, der mit allen perfiden Mitteln versucht, sich an der Macht zu halten. Der Westen hat dieses Volk zu unterstützen.

Robert Strauch, Berlin-Steglitz

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