• Mama, warum seid ihr nicht einfach weggelaufen? Wer die DDR verstehen will, muss auch über den Alltag reden – über die hundertausende Täter und Opfer des Alltags

Meinung : Mama, warum seid ihr nicht einfach weggelaufen? Wer die DDR verstehen will, muss auch über den Alltag reden – über die hundertausende Täter und Opfer des Alltags

Antje Sirleschtov

Nun also auch Helmut Kohl. Ausgerechnet der Altkanzler fürchtet um sein historisches DDR-Bild. Der Stasi-Terror könnte in Vergessenheit geraten, warnt er die Bundesregierung in einem Brief. Die Stasi könnte zu Lasten ihrer Opfer verniedlicht werden, wenn sich die Deutschen jetzt, 16 Jahre nach der Wiedervereinigung, der Frage zuwenden, ob es da vielleicht doch noch mehr zu sagen gäbe über das Mysterium der Diktatur in Honeckers Reich. Oder vielleicht auch über die Verstrickungen des anderen Deutschlands. Ausgerechnet der Mann, dessen Stasi-Akten nach jahrelangem Rechtsstreit und einem Grundsatzurteil den tiefen Blick in eine Zeit mit verhindert haben, deren Wahrheiten wir wahrscheinlich noch immer nicht ansatzweise kennen, schwingt sich jetzt zum zeitgeschichtlichen Rechthaber auf. Die DDR – ein untergegangenes Land, in dem ein paar hunderttausend Skrupellose 16 Millionen Menschen ihrer Freiheit beraubt haben. Und Helmut Kohl, der Retter eines unterdrückten Volkes, der die Kundschafter des Bösen bestraft und die Deutschen auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs von ihrer Last befreit hat. So könnte es ihm gefallen. So einfach war es aber nicht.

Alltag – das ist der moderne Kampfbegriff im aktuellen Streit um die deutsche Geschichte der letzten 50 Jahre. Ein banaler Begriff, auf den ersten Blick. Und doch mittlerweile ein Synonym für die politische Auseinandersetzung darüber, welches Bild von der SED-Diktatur in uns und für unsere Nachwelt erhalten bleibt. Eine Expertenkommission der Bundesregierung hat ihn vor wenigen Wochen auf die Tagesordnung gebracht, seit sie dem Bund empfahl, das Gedenken an die Diktatur der DDR nicht auf die Greuel der Staatssicherheit zu beschränken, sondern zu erweitern und im Berliner Zentrum einen forschend begleiteten musealen Ort zu schaffen, der sich mit dem Schwerpunkt „Herrschaft – Gesellschaft – Widerstand“ befasst. Seither tobt der Kampf um die Macht über das Erinnern – und natürlich geht es dabei auch um Geld.

Wie immer, wenn es um Deutungshoheiten und Forschungsgelder geht, sind die Frontlinien zwischen den politischen und institutionellen Beteiligten unübersichtlich. Was in diesem Fall allerdings nicht weiter von Schaden für die Sache selbst sein müsste. Denn Befürworter und Gegner eines solch neuen Kapitels der Diktaturaufarbeitung entlarven sich mit ihren Stellungnahmen gleichermaßen. Und die Öffentlichkeit, die sich ja bekanntermaßen nicht vorschreiben lässt, worüber sie diskutiert, hat ihre Entscheidung im Grundsatz schon getroffen. Man muss nur genau hineinhorchen in das Leben – den Alltag. Dann wird man erkennen: Das Volk ist längst nicht mehr der Auffassung, dass es genug war, eine Behörde mit der Aufarbeitung der Stasi-Akten zu beschäftigen und Gedenkorte dort einzurichten, wo der Unterdrückungsapparat Mielkes seine Zuchthäuser aufgestellt hat.

Ein Klick ins Internet genügt, um sich am munteren Rechtfertigungstreiben der alten Genossen zu beteiligen. Ein Blick in die Wohnzimmer, um zu hören, welche Kontroversen dort ausgetragen werden, um die Renten für die DDR-Nomenklatura, die jetzt versprochenen Opferrenten oder die Frage, ob die Stasi vielleicht doch jahrelang in Fraktionsstärke im Deutschen Bundestag mitregiert hat, wie es erste Erkenntnisse über die so genannten „Rosenholzakten“ vermuten lassen. Was sich da gerade vor unseren Augen abspielt, ist ein neues Stück Geschichtsschreibung über die DDR und ihre Diktatur der Arbeiterklasse. Irgendwo zwischen Stasi- Verbrechen und Kuschelheimat.

„Mama, warum seid ihr damals eigentlich nicht alle weggelaufen?“ Nicht mehr und nicht weniger als diese einfache Frage einer 19-Jährigen, die dieser Tage ihr Abiturzeugnis erhalten hat, ist der Grund, warum die Zeit der allzu grellen Spotbeleuchtung auf die DDR nun endlich durch breiter strahlendes Licht ergänzt werden muss. Denn nur so werden wir Geschichten wie die von der Mutter erfahren, die in den 70er Jahren eine Grundschule in Berlin besuchte, deren Direktorin zur pädagogischen Führungskraft einzig und allein die Tatsache befähigte, dass sie die Ehefrau von Margot Honeckers Stellvertreter im DDR- Bildungsministerium war. Alles Einser auf dem Zeugnis und den Traum vom Studium im Kopf, wurde ihr Bildung dennoch verwehrt – allein weil ihre Eltern Ingenieure und damit nicht Teil der Arbeiterklasse waren; weil sie bekannt dafür waren, in regem Austausch mit der Familie im Westen zu stehen und am 1. Mai keine Jubelfahnen aus dem Fenster zu hängen und die Kinder nicht zum Lügen in der Schule über das abendliche Fernsehprogramm anzuleiten. So sah er aus, der Alltag in dieser Diktatur. Und ohne ihn zu verstehen, wird man den inneren Gesetzen des Regimes niemals näher kommen. Der Alltag ist unser einziger Schlüssel zur Diktatur. Und eben drum ist er wert, zusammengetragen und für das öffentliche Gedächtnis festgehalten zu werden.

Der Blick in das Zuchthaus der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen ist wichtig, um das Ausmaß von Willkürjustiz und Repression zu verstehen. Gleichwohl verschweigt er dem Betrachter einen ganz wesentlichen Teil der Diktatur – nämlich ihre innere Verfasstheit. Was im Übrigen auch für die Unterlagen der Staatssicherheit gilt. Denn sie begrenzen die Sicht auf Strukturen der Macht und das konkrete Verhältnis von Opfern und Tätern. Darüber also, wie aus Fußball spielenden Jungs diese finster dreinblickenden Junggenossen werden konnten, die Ende der 80er Jahre bedrohlich vor der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Berlin Tag und Nach patrouillierten – darüber sagen diese Unterlagen kaum etwas aus. Und sie schweigen gänzlich über das Leben derer, die – aus welchem Grund auch immer – keine Akten haben und doch zu Tätern wurden. Zu Tätern im Alltag, und genauso auch zu Opfern im Alltag. Dann, wenn sie stillhielten, als ihren Nachbarn Unrecht geschah. Wenn sie Unrecht damit entschuldigten, „nur ausführendes Organ“ zu sein. Wenn sie sich um ihres eigenen Vorteils willen wie Würmer durch das System DDR wanden. Oder aber, und auch darüber muss gesprochen werden, wie unzählige Menschen aufrecht ihren Alltag bewältigten.

Die letzten 16 Jahre Aufarbeitung der SED-Diktatur und Staatssicherheit haben uns glauben machen wollen, dass wir wissen, wie das System funktionierte. Nun haben wir Hassfiguren, die unser Gewissen erleichtern; und gleichzeitig berühmte Identifikationsfiguren. Ist es nicht so, dass in jedem ein bisschen Wolf Biermann steckt? Aber die DDR, das waren eben nicht nur Honecker, Mielke und die Mordschützen an der Mauer. Das waren Lehrer, die ihre Studenten zum Jubeln vor die Maitribünen der Regierung pressten, Sozialarbeiter, die Müttern ihre Kinder wegnahmen, weil sie sich dem Sozialismus entzogen, Betriebsdirektoren, die Bilanzen im sozialistischen Planwettlauf systematisch fälschten, damit ihre Arbeiter Weihnachtsgeld erhielten, und Schriftsteller, die der Welt da draußen schaurigste Geschichten über das Leben in der Diktatur erzählten und drinnen ihr Frühstück von feinstem Meißner Porzellan gabelten. Es waren Millionen, die alltägliche Entscheidungen in Unfreiheit trafen. Und wir werden das Wesen der DDR nur verstehen, wenn wir auch ihre Motive hinterfragen.

Darüber zu berichten wird für viele Betroffene schmerzhaft sein. Man spürt das, wenn man Pädagogen fragt, wie sie im Unterricht mit der DDR-Vergangenheit umgehen. Sie sind unsicher, weil sie selbst häufig nicht nachvollziehbar erklären können, warum sie tagsüber Kinder zu kleinen Kommunisten erzogen und abends in den inneren Widerstand abtauchten. Und weil sie sich fürchten vor der offenen Auseinandersetzung mit den Eltern und Großeltern, die nicht akzeptieren können, wenn die Sprösslinge nach dem Unterricht das eigene häusliche Bild von der Vergangenheit hinterfragen. „Wer heute zur Schule geht, weiß von der DDR im Grunde so viel wie über das Römische Reich“, sagen die Lehrer. Und haben damit leider vollkommen recht. Denn viele, die mit der Staatssicherheit nichts zu tun hatten, lässt die Sorge, für die Existenz der SED-Diktatur am Ende doch noch irgendwie haftbar gemacht zu werden, schweigen.

Weshalb die vor uns liegende Phase der Aufarbeitung der SED-Diktatur, anders als die zurückliegende, keinesfalls auf den Osten beschränkt bleiben darf. Ob Marianne Birthler, die Stasi-Unterlagenbeauftragte, Recht hat, wenn sie sagt, die „Rosenholzakten“ würden kaum Spektakuläres über namhafte Mitarbeiter der Staatssicherheit im Bundestag zum Vorschein bringen, wenn sie 2007 veröffentlichungsreif sind, spielt dabei noch nicht einmal eine besonders große Rolle. Viel entscheidender für das Verständnis der gemeinsamen deutschen Vergangenheit wird sein, ob es gelingen kann, Erkenntnisse über die Verflechtungen zwischen den beiden deutschen Staaten zu gewinnen, die nicht in den „Rosenholzakten“ zu finden sind: etwa die Beziehung der Westparteien zu den Blockparteien; oder, ökonomisch, die Zusammenarbeit – zum beiderseitigen Nutzen – von westdeutschen Unternehmern und Wissenschaftlern und der SED-Diktatur. Es gibt manchen, der jetzt diese – gesamtdeutsche – Seite des Regimes lieber für alle Zeiten im Nebel belassen will – offen oder getarnt als Mahner vor der Verharmlosung des Regimes, wenn sie als museale Präsentation von Kati-Tortenmehl und Trabant-Kombi mit Blauhemdpuppen als Fahrern daherkommt.

Dabei geht es hier um nichts weniger als um ein organisiertes Weichspülprogramm für die DDR-Vergangenheit. Denn gerade diese Art der Geschichtsbewältigung – die DDR in schrecklichen oder wahlweise wohligen Superlativen – hat doch mit der Zeit dazu geführt, dass man glauben könnte, es sei ja alles wahrscheinlich gar nicht so tragisch gewesen ist, wie es uns die ewig nörgelnden Opferverbände weismachen wollen. Vollbeschäftigung, für Ruhe und Ordnung im Wohngebiet sorgende Abschnittsbevollmächtigte, die Busfahrt für 20 Pfennige: Das sind die Geschichten, die erzählt werden, wenn Politik den Raum dafür lässt. Einen Raum, den sie auch mit noch so vielen Stasi-Knast-Museen nicht mehr zurückerobern kann.

Wer keine breite Debatte über das Wesen der DDR-Diktatur will, wer das Wissen über die tägliche Angst und die sich daraus entwickelnden menschlichen Deformierungen lieber nicht ans Tageslicht holen will, der braucht sich nicht darüber zu wundern, wenn urplötzlich Hundertschaften alter Knastaufseher öffentlich Geschichtsklitterung betreiben und eine schweigende Masse zustimmend nickt. Und den muss auch nicht wundern, wenn Hans Modrow – einst SED-Oberaufseher in Dresden – dieser Tage vollkommen unwidersprochen im Bundestag behaupten darf, dass der Westen ein gehöriges Maß an Mitschuld an den Toten der innerdeutschen Mauer trägt. Willi Sitte hat unlängst in Merseburg ein eigenes Museum eröffnet. Dort stellt das ehemalige Mitglied des SED-Zentralkomitees sein künstlerisches Lebenswerk aus und lässt den einstigen DDR-Chefarchitekten von Halle als Kuratoriumschef auch schon mal seinen Bildern neue – passendere – Namen geben. Die Kultur- und Politikszene in Nürnberg hatte zuvor keinen Mut, sich mit dem so berühmten und in die Diktatur so verstrickten Künstler auseinander zu setzen, und auch die Stadtoberen von Halle, Sittes Heimatort, schwiegen ihren Sohn lieber tot, als ihm einen Platz zum Diskurs anzubieten. Man kann Wetten darauf abschließen, wann Merseburg zum Wallfahrtsort all der frustrierten Ossis wird, die ihre kuschelige DDR herbeisehnen.

Im besten Fall wird auch ihnen ein umfassenderer Blick auf die DDR den Weg ins gemeinsame deutsche Vaterland erleichtern. Denn ihre Lebensgeschichten hat der tosende Aufbau Ost mit Baggern und Schaufeln im letzten Jahrzehnt im wahrsten Sinne des Wortes niedergewalzt. Dabei waren sie hervorragende Ärzte in Polikliniken, die Leben gerettet haben, auch ohne die High-Tech-Medizin des Westens. Und sie waren Erzieherinnen in Kindergärten mit frühkindlichem Bildungsanspruch, den wir heute mühsam neu erfinden. So vielen Menschen gelang es, auch unter den Bedingungen der SED-Diktatur im Alltag der Arbeit und Familie Werte zu schaffen, die zu schade dafür sind, auf dem Müllplatz der Geschichte abgeladen zu werden.

Mama, warum seid ihr eigentlich damals nicht alle weggelaufen. Ja, warum eigentlich nicht?

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