Meinung : Mammut aus dem Eis

Moritz Schuller

Wie wird Angela Merkel in ihren Memoiren wohl später einmal über die Polen schreiben? Bei ihrem Vorgänger, dem großen Freund Russlands, findet man im Register seiner politischen Erinnerungen gerade mal sechs Einträge für die „deutsch-polnischen Beziehungen“. Antideutsch, antirussisch und antieuropäisch nennt Schröder die polnische Regierung. „Im deutsch-polnischen Verhältnis ist die Nachkriegszeit nicht beendet“, schreibt der Ex-Kanzler, und offenbar war seine Neigung gering, daran etwas zu ändern.

Doch gerade darin liegt die Ursache für das derzeit ausgesprochen schlechte Verhältnis zwischen den Nachbarländern. Wie ein Mammut, das im Eis der kommunistischen Zeit eingefroren war, präsentiert sich Polen: so, als seien der Krieg gerade erst vorüber und die Gewalt und Vertreibung noch frisch zu spüren. Wie damals fühlt sich offenbar das Polen, das die gegenwärtige Regierung an die Macht gebracht hat und das so übertrieben empfindlich reagiert auf alles Deutsche. Mit der Gegenwart, in der Merkel gerade gegenüber Russland anders agiert als Schröder, hat das wenig zu tun.

Am heutigen Montag empfängt die deutsche Bundeskanzlerin den polnischen Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski, und offenbar ist sie bereit, den mentalen Zeitsprung der Polen mitzumachen: „Natürlich müssen wir auch immer wieder über die Geschichte reden – darüber, wie in Deutschland und Polen verschiedene Vorgänge empfunden werden“, sagt sie in einer Videobotschaft. Doch geradezu absurd klingt es, wenn Merkel im Jahre 2006 betont, wie wichtig es sei, dass „die Grenzen zwischen Deutschland und Polen festgelegt sind“. Das sind sie, aber würde sie vor einem Besuch des französischen Präsidenten öffentlich betonen, dass Deutschland seine Ansprüche auf das Elsass aufgegeben hat?

Es wäre sinnvoller, wenn die Kanzlerin den polnischen Ministerpräsidenten davon überzeugen könnte, dass diese historische Folie, die inzwischen ja sogar den Briten langweilig geworden ist, keine besonders produktive Arbeitsgrundlage ist. Vier Stunden ist Kaczynski in Berlin, wenigstens eine davon sollten Merkel und er nicht über die Vergangenheit, sondern über die Zukunft reden.

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