Meinung : „Man kann nicht die Welt aus den Angeln heben“

Lars von Törne

So jemand lässt sich von politischer Kritik oder von Zurechtweisungen eines Regierenden Bürgermeisters nicht so schnell irritieren. Sie flüchtete 1945 mit ihrer Familie vor den Russen aus Dresden, da war der zwölf Jahre jüngere Klaus Wowereit noch gar nicht geboren. Zum Überleben sammelte sie Beeren und Zuckerrübenreste von kargen Äckern: Das ist das Bild, das Franziska Eichstädt-Bohlig bis heute mit ihrer Kindheit verbindet.

Vielleicht liegen hier die Wurzeln für den willensstarken Charakter der 65-jährigen Grünen, den Freunde wie Gegenspieler als resolut, bestimmt und zielorientiert beschreiben. „Sie weiß genau, was sie will und vertritt es auch bei starkem Gegenwind“, weiß eine Parteifreundin aus ihrem Charlottenburger Wahlkreis. Gleichzeitig loben viele Parteifreunde die hohe Verlässlichkeit der Mutter zweier erwachsener Söhne.

Standfestigkeit und Verlässlichkeit – das sind die Attribute, die in diesen Tagen auch Klaus Wowereit und den anderen Unterhändlern der SPD an der grünen Spitzenkandidatin besonders wichtig sein dürften. Denn im Kern dreht es sich bei den gestern fortgesetzten Sondierungsgeprächen um die Frage, wie haltbar eine möglich rot-grüne Landesregierung wäre. Zweifel daran hatte Eichstädt-Bohlig vergangene Woche selbst gesät. Da ließ sie forsch Interesse an mehreren Senatsverwaltungen anklingen, lange bevor klar war, mit wem der Wahlsieger SPD überhaupt regieren möchte. Das stieß Wowereit sauer auf. Nach dem ersten Sondierungsgespräch jedoch gaben sich beide harmonisch, und man darf vermuten, dass dem forschen Macher Wowereit es nicht nur unsympathisch ist, wenn jemand weiß, was er will.

Parallel zu den Verhandlungen hat Eichstädt-Bohlig damit begonnen, sich im für sie neuen Abgeordnetenhausbetrieb einzuarbeiten. Allzu lange dürfte es nicht dauern, bis sie Routine hat, denn nach elf Jahren im Bundestag – von 1994 bis 2005 – kennt die Architektin und einstige Kreuzberger Baustadträtin das Politikgeschäft. Sie hat sich einen guten Ruf als Expertin für Stadtplanung und Haushaltsfragen erarbeitet und wird über Parteigrenzen hinweg geschätzt. Und sie hat sich von der linken Hausbesetzer-Patin zu einer Realpolitikerin gewandelt, der die Grenzen der Macht sehr bewusst sind: „Ich lernte, dass man als Parlamentarierin zwar nicht die Welt aus den Angeln heben, aber auf konkrete Entscheidungen sehr wohl Einfluss nehmen kann“, bilanziert sie ihre Bundestagszeit.

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