Meinung : „Man muss die Deutschen auch enttäuschen“

Andrea Dernbach

Wer in der Bürokratie landet, schlägt schon mal hart auf. Vor allem, wenn er Professor ist und an Roms „La Sapienza“ fern von solchen Zumutungen leben durfte. Angelo Bolaffi, der neue Direktor des Italienischen Kulturinstituts, stöhnt ein bisschen über die vergangenen drei Wochen zwischen Aktenbergen, Unterschriftenmappen und Konferenzen, seine ersten im Amt. Ob’s jetzt leichter wird? „Nein“, sagt er. „Aber ich verstehe die Verwaltung jetzt wenigstens besser.“

Das könnte ihm Luft verschaffen, seine Ideen umzusetzen – die, die er aus Rom mitgebracht hat, und die, die er trotz des Kampfs mit dem Papier diesen ersten Berliner Tagen verdankt: „Ich habe hier gelernt, dass wir das Italienische Kulturinstitut neu erfinden müssen.“ Damit meint der Chef keineswegs die eigenen vier Wände, sondern die Institution: „Wir haben uns immer als die sprachlich-kulturellen Fürsorger der italienischen Auswanderer definiert. In Hongkong zum Beispiel gibt es die nicht, also gibt es dort auch kein Kulturinstitut.“ Aber weil diese Art Emigration quasi verdampft ist – Italiener waren vor mehr als 50 Jahren die ersten „Gastarbeiter“, inzwischen leben ihre Enkel hier – funktioniere dieses Konzept nicht mehr. Und auch die Großevents könnten nicht die Sache seines Hauses sein, sagt Bolaffi: „Die vom Festival del Cinema in Rom telefonieren direkt mit den Berlinale-Kollegen, die brauchen uns nicht.“ Dass ihm auch das Geld fehlt, um das ganz große Rad zu drehen, verschweigt Bolaffi nicht. Aber es scheint ihm ein Vergnügen zu sein, aus der Not eine Tugend zu machen: Das Institut könnte Ideengeber für deutsche Milieus und Institutionen werden und: „Wir müssen das aufgreifen, was vernachlässigt wird. Italien ist nicht nur Sonne, Fellini, Rossellini und Canzoni zur Mandoline. Es ist auch Scampia, die Bronx von Neapel. Man muss die selbstverständlichen Erwartungen der Deutschen enttäuschen können.“

Die kennt der gelernte Philosoph Bolaffi gut und lange: Der 60-jährige Römer kam 1971 als Student zum ersten Mal nach Deutschland, wo er bei Jacob Taubes an der FU studierte. Deutschland, seine Denker und die eigene Liebe zum Land wurden dann nicht nur Thema seiner akademischen Arbeit, sondern vieler Artikel und Reportagen,auch für „Spiegel“, „Zeit“, „FAZ“ und „Süddeutsche“.

Und weil er sie kennt und mag, die Deutschen, verweigert er ihnen ihre Lieblingsspeisen nicht völlig: Schon im Mai gibt’s wieder Rossellini-Filme.

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