Meinung : „Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“

Clemens Wergin

Er lässt sich keine Triumphgefühle anmerken. Aber etwas wie: „Ihr habt es ja so gewollt“, wird schon durch seinen Kopf gehen, wenn Schimon Peres dieser Tage durch die Knesset läuft. Vor sechs Jahren hat er eine als sicher geltende Wahl verloren, Mosche Katsav wurde statt seiner vom Parlament zum neuen Präsidenten gewählt. Jener Katsav, den man wegen seiner Sexskandale nun am liebsten vom Hof jagen würde.

Jetzt hat Premier Ehud Olmert Peres als neuen Präsidenten vorgeschlagen. Der hat sich noch nicht erklärt, aber es gilt als sicher, dass er antreten will. Mit 83 hat er auch nichts mehr zu verlieren, wie die Zeitung „Haaretz“ süffisant anmerkt: Er gilt ohnehin schon als Verlierer. Zwar war Peres dreimal Premier und hat 19 Ministerposten bekleidet, entscheidende Wahlen hat er aber immer verloren. 1996, nach dem Tod Jitzchak Rabins, wurde er knapp von Benjamin Netanjahu geschlagen und nicht Ministerpräsident, genauso, wie er eben 2000 nicht Präsident wurde. Die Liste seiner Nicht-Werdungen ist fast so lang wie die seiner Erfolge.

Fast vergessen ist, dass Peres, der große alte Mann der israelischen Politik, einmal eine ganz junge Hoffnung war. Der gerade gestorbene Teddy Kollek, der legendäre Verteidigungsminister Mosche Dajan und Peres waren die „wilden Jungs“ von Staatsgründer David Ben Gurion, der ihn im Unabhängigkeitskrieg 1948 ins Verteidigungsministerium steckte, wo er mit 26 Jahren zum Staatssekretär wurde. Peres ist nun der Letzte aus der Gründergeneration, der noch in der Politik mitmischt.Wer in ihm aber nur den ewigen Kandidaten und unerfüllten Visionär der 90er sieht, vergisst, dass kaum jemand so viel für Israels Verteidigung geleistet hat wie er. Peres war maßgeblich für den Aufbau des israelischen Atomprogramms verantwortlich und hat die Technik dafür in den 60ern in Frankreich eingekauft – unter manchmal abenteuerlichen Bedingungen. Als ehemaliger Falke ist Peres auch mitverantwortlich für das Entstehen der Siedlerbewegung: In den 70ern hat er sich als Verteidigungsminister unter Rabin vehement für die ersten Siedlungen als Grenzsicherung eingesetzt. Sein späteres Friedensengagement lässt sich auch als Versuch lesen, diesen Fehler wiedergutzumachen.

„Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“, heißt eines seiner Bücher. Nun steigt Peres noch mal in den Ring und bemüht sich wohl erneut um das Präsidentenamt – in der Hoffnung, dass der Fluss und die Knesset inzwischen andere geworden sind.

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