Meinung : Manchmal braucht die Hoffnung Pause

Christoph von Marschall

Man will diese Nachrichten einfach nicht mehr hören. Es fällt schwer, die Bilder Tag für Tag, Woche für Woche zu ertragen: die Blutflecken am Boden und verstreuten Trümmerteile nach Selbstmordattentaten auf Busse und Pizzerien, die Sirenen der Notrufwagen, die klaffenden Löcher in den Palästinenserhäusern und Autonomiegebäuden, die Israel zur Bestrafung der Täter und ihres Umfeldes beschießt und zerstört, die von Trauer zerfurchten, von Gewalt berauschten, von Hass verzerrten Gesichter.

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Anderthalb Jahre geht das nun so, in jüngster Zeit fast ununterbrochen. Im Herbst 2000 begann die Al-Aqsa-Intifada, als Auslöser diente ein Besuch Scharons auf dem Tempelberg. Auch den gestrigen Tag, an dem dieser Mann als Israels Premier ein Jahr im Amt war, prägten Attentate und Vergeltungsschläge. Aus der sicheren Entfernung lässt sich schwer begreifen, was sich im Nahen Osten abspielt. Es ist eine Lage zum Verzweifeln - und die Verzweiflung gebiert hier zu Lande den moralischen Imperativ: Es muss ein Ende haben, ein Ausweg muss her.

Oder könnte es sein, dass dieser Konflikt momentan von Kräften befeuert wird, die stärker sind als alle Hoffnungen und alle Vernunft? Kann es womöglich sein, dass derzeit Männer in den entscheidenden Machtpositionen sind, von denen kaum zu erwarten ist, dass sie aus ihrer Logik von Gewalt und Gegengewalt ausbrechen? Weil sie im Gefängnis ihrer Erfahrungen sitzen und zu viel erlebt haben, als dass sie nach den kleinen Zipfeln von Entgegenkommen greifen könnten, auf die wir aus der Ferne unsere Hoffnungen richten?

Die Greise und die Gewehre

Von Arafat sagen die Skeptiker das schon lange, spätestens seit dem Gipfel von Camp David im Sommer 2000, wo der Palästinenserführer Ehud Baraks sehr weitgehendes Kompromissangebot ausschlug - und sich damit als unfähig erwies zur politischen Krönung seines Lebenswerks. Der Mann sei im bewaffneten Befreiungskampf und der Selbstinszenierung mit Keffijah und Pistole groß geworden. Er denke im Grunde militärisch und operiere mit zwei Druckmitteln: den Bildern von der Gewalt, die seinem Volk angetan wird, und den Opfern, die weltweit Mitleid und Sympathie auslösen - sowie den Anschlägen, die Israel aus den besetzten Gebieten treiben sollen, weil die Gesellschaft nicht mehr zu diesem Blutzoll bereit ist. Als sich die Gelegenheit bot, schaffte Arafat den Wechsel zum Realpolitiker nicht.

Nun sagen immer mehr Beobachter Ähnliches über Scharon. Anfangs hatte man glauben wollen, hinter seinem militärischen Auftrumpfen stecke eine Strategie. Deshalb hat ihn eine Mehrheit der Israelis gewählt. Scharon hatte mehr Sicherheit versprochen und ein Ende des Blutvergießens durch eine Politik der harten Hand. Dem erfahrenen General hatten die Wähler das zugetraut: Dass er seine militärischen Fähigkeiten nutzen werde, um Arafat vor Augen zu führen, dass er eine kriegerische Auseinandersetzung nicht gewinnen könne, dass ein politischer Kompromiss unumgänglich sei.

Aus dieser Dialektik - mit Stärke zum Frieden - ist nichts geworden, ebensowenig aus dem Versprechen "mehr Sicherheit". Unter Scharon sind mehr als tausend Palästinenser und rund 300 Israelis ums Leben gekommen. Die zum Überdruss gebrauchte Macht scheint für Scharon nicht militärisches Mittel zum politischen Zweck zu sein, sie ist zum Selbstzweck geworden - als müsse er davon ablenken, dass ihm ein strategisches Konzept fehlt. Auch bei Scharon ist nicht zu erkennen, wie und wann aus dem General ein Realpolitiker werden könnte.

Frieden für Nahost? Mit Scharon und Arafat wohl kaum, solange sie an der Macht sind. Beide sind jedoch die gewählten Vertreter ihres Volkes. Bei Israel immerhin gibt es bei jeder neuen Wahl Alternativen. Wie darf man sich auf palästinensischer Seite den Wechsel zu einem Präsidenten vorstellen, der zum Kompromiss fähig ist?

Die Hoffnung bleibt Pflicht für jeden, der sich mit dem Nahen Osten befasst. Doch manchmal braucht sie eine Pause, um sich nicht zu erschöpfen. Vielleicht eine bis zum Abgang von Jassir Arafat und Ariel Scharon.

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