Manmohan Singh, Indiens Premier : "Wir werden eine fürsorgliche Regierung sein"

Fünf Jahre konnte er nicht, wie er wollte, immer bremsten ihn die ungeliebten Kommunisten aus. Nun bekommt , den man nie ohne sein Markenzeichen, den hellblauen Turban, sieht, eine zweite Chance. Ein Porträt des neuen Premiers von Indien.

Christine Möllhoff

Fünf Jahre konnte er nicht, wie er wollte, immer bremsten ihn die ungeliebten Kommunisten aus. Nun bekommt Manmohan Singh, den man nie ohne sein Markenzeichen, den hellblauen Turban, sieht, eine zweite Chance: Am Freitag wurde er für fünf weitere Jahre als Regierungschef Indiens – und damit eines Sechstels der Menschheit – vereidigt. Der 76-Jährige, obgleich bereits zweimal am Herzen operiert, scheint vor Tatendrang zu sprühen.

Mit einem Kursfeuerwerk hatte die Börse den unerwarteten Wahltriumph der Mitte-Links-Allianz der Kongresspartei begrüßt, der eine lange Phase von schwachen Koalitionen beendete. Erstmals hat Indien wieder eine starke Regierung. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Singh, den Ludwig Erhard Indiens. Manche Marktträume dürfte er aber enttäuschen. Zwar wird er das 1,1-Milliarden-Einwohner-Land stärker auf Reformkurs steuern, aber dabei immer die Armen und das Machbare im Auge behalten.

Der Lebenslauf des scheuen Ökonomen mit dem weißen Bart und den buschigen Augenbrauen ist eindrucksvoll: 1932 als Sohn einer Bauernfamilie geboren, schaffte er den Sprung an die britischen Eliteschmieden Cambridge und Oxford. Danach arbeitete er für die Vereinten Nationen und führte die indische Zentralbank, bevor er in die Politik wechselte. Seit er in den 90er Jahren als Finanzminister dem sozialistischen und abgeschotteten Indien harte Reformen verordnete, gilt er als „Vater des indischen Wirtschaftswunders“.

Der Wahlsieg war ein Votum für Stabilität sowie eine Absage an Korruption und Extremismus. Und niemand personifiziert dies mehr als der sanfte Singh, der der religiösen Minderheit der Sikhs angehört. In Indiens Politkaste – mehr als jeder vierte der neuen Parlamentarier hat Strafverfahren bis hin zu Mordanklagen laufen – sticht er heraus. Der „Doktor“, wie ihn Medien nennen, gilt als unbestechlich und bescheiden – und dafür schätzen ihn die Wähler.

Dabei war der Vater dreier Töchter vor fünf Jahren nicht mehr als ein Premier von Sonia Gandhis Gnaden. Die Parteichefin hatte den treu ergebenen Singh auf den Posten gehievt – als ersten Nicht-Hindu in der Geschichte Indiens. Doch Singh hat sich aus dem Schatten befreit. Die beiden gelten heute als eingespieltes Team. Der uneitle Premier braucht kein Rampenlicht, er wälzt lieber bis tief in die Nacht Aktenberge. Und auch Gandhi zieht die Fäden lieber hinter den Kulissen. Christine Möllhoff

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