Meinung : Mantra, Manna und Machen

Die Kirchen müssen ihre Mitglieder zum politischen Handeln anleiten.

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Uli Hoeneß und die CSU-Abgeordneten, die ihre Frauen, Neffen und Cousins mit Jobs versorgten, bestimmten diese Woche die Debatten. Sie alle nähren den Verdacht, dass Menschen, die zu entscheiden haben, vor allem für sich selbst sorgen und zocken, wo es geht.

Der Kirchentag in Hamburg setzte Gottvertrauen dagegen. Das Motto hieß „So viel du brauchst“. Mose führt die Israeliten durch die Wüste, wo es an allem fehlt. Gott schickt „Manna“ vom Himmel herab und fordert sie auf, nur so viel davon zu sammeln, wie jeder an einem Tag braucht. Sie sollen darauf vertrauen, dass es am nächsten Tag neues Manna gibt.

Das klingt haltlos naiv. Natürlich ist es richtig, für die Zukunft vorzusorgen. Schon vor 3000 Jahren war es überlebenswichtig, Vorräte anzulegen. Aber das hat nichts mit der verbreiteten Mentalität des Hamstern und Hortens zu tun, für die Hoeneß und die CSU-Politiker aktuelle Beispiele sind. Die einen horten, weil sie nicht genug kriegen können, die anderen aus Sorge vor der Zukunft. In dieser Situation zu Gelassenheit und Vertrauen aufzufordern, ist nicht verkehrt. Eine Gesellschaft, in der die Gehetzten und maßlos Ängstlichen dominieren, verliert die Balance. Der Kirchentag führte vor, wie das mit der Gelassenheit geht. Die Atmosphäre war entspannt, die Laune gut.

Doch das Motto hat noch eine weitere Dimension: Gott lässt das Manna vom Himmel fallen, weil das Volk „zu murren“ begann, wie es in der Bibel heißt. Das Manna soll die Leute ruhig stellen und Protest abwenden. Die Aufforderung zu Passivität wäre nun aber ein falsches Signal. Lebenshilfe und Stärkung im Alltag werden immer wichtigere Aufgaben von Kirchen und Religionen in der postideologischen Gesellschaft. Doch die Kirchen sollten sich nicht auf die Rolle von Wohlfühlagenturen reduzieren lassen. Sie würden es ihren Kritikern zu leicht machen, jenen, die Religion aufs Private beschränken wollen. Wer das Evangelium ernst nimmt, wem der Nachbar nicht egal ist, ob er nebenan lebt oder am anderen Ende der Welt, kann zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen nicht schweigen.

Es braucht neue Formen für die politische Auseinandersetzung – jenseits von Vorträgen, die einer hält und Hunderte hören, jenseits von Podiumsdiskussionen, in der meist jeder seins sagt, und dann gehen alle auseinander. Eine der Überraschungen des Hamburger Treffens war der Erfolg eines Planspiels. Dabei konnten die Kirchentagsbesucher herausfinden, wie sie reagieren würden, wenn ein Dorffest plötzlich zur rechtsextremen Feier mutiert. Planspiele sind an sich nichts Neues. Auf Kirchentagen aber schon. Es gab erhitzte Debatten und die Teilnehmer, darunter sehr viele Jugendliche, standen nachher lange zusammen und tauschten sich aus. Mehr Selbsterfahrung, weniger Berieselung, die Möglichkeit, etwas zu machen und übers konkrete Handeln mit Fremden ins Gespräch kommen, das könnte ein sinnvoller Weg sein, um Privates und Politisches zu verbinden. Dieser Weg könnte sogar mehr bewirken als die hundertste gut gemeinte Resolution gegen den Waffenhandel.

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