Marco W. : Urteil ohne Urteil

Das Gericht in Antalya hat nicht nur Marco einen Gefallen getan, sondern dem ganzen Prozess. Vielleicht wird sich das Verfahren jetzt auf die eigentlich wichtigen Fragen konzentrieren. Ein Kommentar von Thomas Seibert.

Thomas Seibert

        Rechtzeitig vor dem christlichen Weihnachtsfest und dem islamischen Opferfest hat das Schwurgericht in Antalya Marco W. auf freien Fuß gesetzt. Das Urteil steht noch aus, aber mit dem Ende der Untersuchungshaft für den jungen Angeklagten hat das Gericht in Antalya – möglicherweise nach dem Einsatz des deutsch-türkischen Unternehmers Vural Öger – nicht nur passend zur Jahreszeit Gnade walten lassen: Es hat einen der wichtigsten Kritikpunkte des Verfahrens entschärft. Unabhängig von der Frage, ob Marco W. schuldig ist oder nicht, wurde die Untersuchungshaft gegen den Realschüler immer mehr zu einer Strafe ohne Urteil. Zumindest das ist jetzt vorbei. Es ist zu hoffen, dass jetzt etwas mehr Ruhe einkehrt in das Verfahren, das auch ohne die öffentliche Aufregung schon schwierig genug ist.

Natürlich kann man kritisieren, dass sich der Richter viel Zeit gelassen hat, bis er die U-Haft beendete. Auch erhielt Marco nur eine Freilassung zweiter Klasse, weil er nicht freigesprochen wurde. Aber zumindest kann er jetzt mit seinen Eltern das Weihnachtsfest feiern. Mit der Richterentscheidung vom Freitag ist auch ein drohender internationaler Rechtsstreit um Marco abgewendet worden. Marcos Anwälte hatten mit einem Gang vor das Europäische Menschenrechtsgericht gedroht, falls die U-Haft abermals verlängert werden sollte.

Was den Richter letztendlich bewegt hat, anders als in den vorangegangenen Verhandlungen auf eine erneute Verlängerung der Untersuchungshaft zu verzichten, ist nicht bekannt. Möglicherweise hat ihm der SPD-Europaabgeordnete und Fremdenverkehrsunternehmer Öger ins Gewissen geredet – trotz seines deutschen Passes gilt Öger in der Türkei immer noch als Türke, sein Engagement in der Sache wird nicht als Einmischung von außen gesehen und abgelehnt. Vielleicht hat Richter Yildiz aber auch von ganz alleine erkannt, dass die lange Haft für den deutschen Jugendlichen unverhältnismäßig geworden war. Wie auch immer er zu seiner Entscheidung gelangte: Der Richter hat nicht nur Marco einen Gefallen getan, sondern dem ganzen Prozess.

Von der Last der U-Haft-Frage befreit, wird sich das Verfahren jetzt mit den eigentlich wichtigen Fragen beschäftigen können. Was genau geschah in der schicksalsträchtigen Nacht zwischen Marco und Charlotte? Wusste Marco, dass das britische Mädchen erst 13 Jahre alt ist, oder ging er davon aus, dass er eine 15-jährige vor sich hatte? Wahrscheinlich wird das Medieninteresse an dem Fall stark nachlassen, jetzt da Marco frei ist. Möglicherweise ist das aber ein Segen. Marco und Charlotte jedenfalls dürften nach wie vor brennend daran interessiert sein, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Noch gibt es kein Urteil. Deshalb können alle deutschen und türkischen Beteiligten jetzt erst einmal tief durchatmen und das Weihnachts- oder das Opferfest begehen. Streiten kann man sich dann wieder im neuen Jahr.  

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