Marco W. : Vermessen

Wer einen 17-Jährigen ohne Schuldnachweis so lange in einem Gefängnis hält, verletzt das menschliche Maß.

Rechtsstaaten urteilen nicht nur nach dem Papier; sie fragen nach dem menschlichen Maß. Wenn ein unbescholtener 17-Jähriger fast drei Monate in einem Gefängnis festgehalten wird, getrennt von den Eltern, unter harten Bedingungen, dann müssen schwere Vorwürfe vorliegen. Im Fall von Marco W. liegt eine Beschuldigung vor, die geklärt werden muss. Die Frage, ob die türkische Strafverfolgung das Maß wahrt, ist aber auch ohne endgültige rechtliche Bewertung nicht nur erlaubt, sondern geboten. Ein 17-Jähriger kann in jedem Gefängnis der Welt Schaden für sein ganzes Leben nehmen, an Körper und Seele. Im Fall von Marco W. spricht nichts dafür, dass er oder die deutschen Vermittler, die sich um seine Haftentlassung bemüht haben, der Rechtsfindung ausweichen wollen. Nach allem, was wir wissen, ist höchst unwahrscheinlich, dass Marco in Deutschland verurteilt würde. Vielleicht wird er es in der Türkei. Marco will das Mädchen für 15 Jahre gehalten haben. Wer einen 17-Jährigen trotzdem ohne Schuldnachweis so lange in einem Gefängnis hält, verletzt das menschliche Maß – und schafft den Stoff, den Sarkozy braucht, um die Türkei aus Europa herauszuhalten. tib

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