Meinung : Marine vor Somalia: Die "Berlin" weist den Weg

Gehören Auslandseinsätze bereits so sehr zum neuen Alltag, dass das Verteidigungsministerium alle festen Regeln in den Wind schlägt? Dreierlei müsse präzise geklärt sein, ehe deutsche Soldaten zu potenziell gefährlichen Militäroperationen aufbrechen, war der Öffentlichkeit vor den Balkan-Missionen immer wieder erklärt worden: der Einsatzort, der Auftrag und wie sie wieder herauskommen. Nun läuft ein Flottenverband zum größten deutschen Marineeinsatz seit dem Zweiten Weltkrieg aus, aber es scheint eine Reise ins Ungewisse zu sein. Seewege am Horn von Afrika sichern, heißt es schwammig über Aufgabe und Operationsgebiet; nicht einmal einen festen Stützpunkt kann das Flottenkommando benennen.

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Die Marine darf so gelassen sein. Bei ihr ist vieles anders als beim Kriseneinsatz von Landstreitkräften. Drei Wochen werden die Schiffe unterwegs sein bis zur Küste von Somalia. Auch dort kann sich der Verband noch lange aus Bordmitteln versorgen. Zeit genug, um zu klären, inwieweit der französische Stützpunkt in Dschibuti oder der kenianische Hafen Mombasa den Deutschen als Basis dienen können. Gefechte bei der Patrouillenfahrt drohen ihnen wohl kaum.

Anders ist auch und vor allem: Die Bundesmarine ist besser auf die neue Weltlage vorbereitet als das Heer und die Luftwaffe. Deshalb ist sie in der Lage, mehr als die Hälfte des deutschen Solidaritätsbeitrags zu leisten, den Kanzler Schröder Amerika im Kampf gegen den Terror versprochen hat. Ihr Beispiel könnte Mut machen für eine konsequente Bundeswehrreform. Nur halbherzig hat sich Rot-Grün bisher an diesen politischen und finanziellen Kraftakt gemacht. Die Umstellung der Armee von schweren Panzereinheiten zur Landesverteidigung auf Krisenreaktionskräfte mit leichtem Gerät, die sich rasch per Flugzeug verlegen lassen, kostet Geld und stellt die Wehrpflicht in Frage.

Die Marine tut sich leichter. Auch sie löst sich von der alten Aufgabe, dem Küstenschutz in Nord- und Ostsee. Operationen in tropischem Klima weit von der Heimat stellen neue Anforderungen an Ausrüstung und Nachschub. Aber die Flotte war schon lange auf Krisenreaktion ausgerichtet und ist stetig modernisiert worden. Die Fregatten sind mehrfach in Nato-Verbänden über die Weltmeere gefahren. Für die Operation vor Afrika musste nur Fernmeldetechnik nachgerüstet werden. Und bei den Schnellbooten, die heute in Wilhelmshaven von gecharterten Zivilfrachtern huckepack genommen werden, die Klimaanlagen. Doch dieser für die deutschen Küsten gebaute Schiffstyp wird allmählich ausgemustert, die größeren Korvetten, die den Brechern in Mittelmeer, Atlantik und Pazifik standhalten, sind bestellt. Das erste Exemplar der neuen Generation leistungsfähiger Versorgungsschiffe hat den Dienst aufgenommen: die "Berlin", das nach Bruttoregistertonnen größte Boot der Marine.

Begünstigt wurde die Erneuerung der Marine zu überschaubaren Kosten durch ihre geringe Größe, vergleichbar mit der Flotte der Niederlande. Der gesamte Verband, der jetzt aufbricht, hat nicht einmal halb so viele Soldaten wie einst das Schlachtschiff "Bismarck". Deutschland unterhält weder Flugzeugträger noch Stützpunkte weltweit wie die früheren Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich, von den USA ganz zu schweigen. Vielleicht ist das auf Dauer zu viel Bescheidenheit für den nach Bevölkerung und Wirtschaftskraft zweitpotentesten Nato-Staat. Zunächst lehrt die Marine: Handliche Formate lassen sich preiswert reformieren. Was für das Heer heißen könnte: erstmal zurückstutzen. Ausbauen kann man später immer noch.

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