• Martenstein über Bildung in Deutschland: Abitur nach 8 Jahren? Geht das nicht auch kürzer?

Martenstein über Bildung in Deutschland : Abitur nach 8 Jahren? Geht das nicht auch kürzer?

Turboabi, weniger Bildung, Abschaffung der Schreibschrift. Für unseren Kolumnisten gehen diese Ideen der Bildungsexperten nicht weit genug. Warum nicht gleich die Druckschrift abschaffen? Und kann nicht auch ein 14-Jähriger Gehirnchirurg werden? Harald Martenstein über Bildungsreformer und super Ideen.

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Abitur nach 12 Jahren? Geht das nicht auch kürzer?
Abitur nach 12 Jahren? Geht das nicht auch kürzer?Foto: dpa

Bildungsexperten heißen meiner Ansicht nach Bildungsexperten, weil sie die Bildung bekämpfen. Ein Schnupfenexperte bekämpft ja auch den Schnupfen. Seit Jahren arbeiten Bildungsexperten deshalb daran, dass die Schulzeit kürzer wird und dass in dieser Zeit weniger gelernt wird. Die neueste Forderung lautet, dass an der Schule keine Schreibschrift mehr unterrichtet wird. Druckschrift reicht völlig. Die Kinder sitzen sowieso die ganze Zeit am Computer und tippen auf der Tastatur, oder? Da frage ich mich, wieso überhaupt noch Druckschrift unterrichtet werden soll. Es reicht völlig, wenn die Kinder die Buchstaben auf der Tastatur erkennen.

Jetzt haben sie einen Aufruf zur „Zukunft des Gymnasiums“ veröffentlicht. Man sollte wissen, dass „Gymnasium“ für viele Bildungsreformer ein Hasswort ist. Warum? Ganz einfach. Gymnasium, das hieß: umfassende Bildung. Und je umfassender ein Mensch gebildet ist, desto skeptischer steht er in der Regel Bildungsreformen gegenüber. Wenn Bildungsreformer sich zur „Zukunft des Gymnasiums“ äußern, dann ist das so, als ob Nordkorea einen Aufruf zur „Zukunft der Meinungsfreiheit“ veröffentlicht.

Wann kommt endlich das "Turbogehalt"

Der Aufruf soll das Turboabitur retten. Seit Jahren wird versucht, das Abitur nach nur acht Jahren durchzusetzen statt nach neun Jahren. Die meisten Eltern sind dagegen, viele Lehrer sind dagegen, die bisher vorliegenden Ergebnisse des Experiments sind unerfreulich. Unis beklagen, dass 17-Jährige einem Hochschulstudium geistig noch nicht gewachsen sind. Man ist auch zu jung, um wirklich eine so wichtige Lebensentscheidung wie die des künftigen Berufes fällen zu können. Man darf ja nicht einmal einen Mietvertrag unterzeichnen, in Zukunft natürlich in Druckschrift. Warum soll jemand mit Anfang zwanzig in einen akademischen Beruf einsteigen? Wir arbeiten doch schon im Alter länger. Das Turboabitur hat auch dazu geführt, dass Kinder nicht selten einen zehnstündigen Arbeitstag haben – eine super Idee, oder?

Die Autoren des Aufrufs schlagen vor, einfach die Stundenzahl und damit die Bildungsstandards zu senken. Weniger Bildung ist immer ihre Lieblingslösung. Wenn man die Stundenzahl weit genug senkt, ist sicher auch das Abitur nach drei Jahren keine Utopie mehr, und wir dürfen bald den ersten 14-jährigen Gehirnchirurgen begrüßen. Warum tun die das? Viele Bildungsexperten glauben, dass sie mit der Abschaffung der Bildung den Kindern aus unterprivilegierten Familien einen Gefallen tun. Da habe ich einen prima Vorschlag zur Abschaffung der Armut. Sorgt einfach dafür, dass alle arm sind. Alle verdienen 600 Euro, das sogenannte „Turbogehalt“, und es gibt in Deutschland, statistisch gesehen, keine Armut mehr. In Nordkorea klappt es doch auch.

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