Martensteins Kolumne : Prognose: 2009 kommt

Kurz vor Jahresende gestattet sich Harald Martenstein die Kühnheit, eine unbequeme philosophische Wahrheit zu verkünden, die in unserer Gesellschaft unterdrückt wird.

Harald Martenstein
Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Diese Wahrheit lautet: „Was die Zukunft bringt, weiß niemand.“

Kürzlich las ich Prophezeiungen, die Einwohnerzahl der Berliner Bezirke im Jahre 2030 betreffend. Die Veränderung der Einwohnerzahlen von Pankow, Charlottenburg oder Reinickendorf wurde dabei bis auf die erste Zahl hinterm Komma angegeben. Plus 2,9 Prozent. Minus 1,3 Prozent. Ich bitte um Verzeihung, aber Leute, die so etwas erzählen, verkaufen uns für dumm. Wie viele Kinder die Charlottenburgerinnen im Jahre 2020 zur Welt bringen oder wie viele Personen 2015 nach Charlottenburg ziehen, weiß niemand. Das hängt von wahnsinnig vielen Faktoren ab. In trockenen Sommern werden deutlich mehr Kinder gezeugt als in regnerischen, wussten Sie das? Dies gilt auch für Charlottenburg und Pankow.

Man kann die Gegenwart und ihre Trends in die Zukunft fortschreiben, das geht, sogar relativ einfach, und genau dies wird in der Regel für teures Geld als Prognose ausgegeben. Wichtigste Voraussetzung für das Gelingen einer Prognose ist, dass sich nichts ändert. Tatsächlich aber ändert sich dauernd etwas. Jederzeit kann ein unvorsehbares Ereignis eintreten, zum Beispiel eine neue Erfindung, eine neue Mode, eine Revolution, ein extremes Wetter, das Auftauchen eines Genies oder eines Superschurken, die Geburt eines Eisbären, alles Mögliche. Der Anschlag auf das World Trade Center hat die Welt verändert und war in keiner Trendprognose vorgesehen, Ähnliches gilt für Aids, für die Erfindung des Computers und der Pille, für das Schickwerden eines Stadtteiles, den manche „Kreuzkölln“ nennen, und für tausend andere Dinge.

Wenn in Horoskopen die Zukunft vorhergesagt wird, halten viele das für Quatsch. Nicht wenige aber sind bereit, den gleichen Quatsch zu akzeptieren, sobald er das Etikett „Expertenprognose“ trägt. Die Wirtschaftskrise haben manche Experten vorhergesagt, andere nicht. Mit Experten ist es wie mit Astrologen, manchmal haben sie recht, manchmal nicht. Für 2009 gibt es auch wieder verschiedenste Prognosen, von Instituten, die mit ihrer Prognose für 2008 danebenlagen, aber auch von denen, die der Wirklichkeit etwas näherkamen, was natürlich für ihre diesjährige Prognose nicht viel bedeuten muss. Wer weiß, vielleicht wird 2009 ein Boomjahr. Ich finde es vernünftig, dass die Regierung ihre Wirtschaftskrisenpolitik nicht an Prognosen oder Horoskopen ausrichtet. Angela Merkel sagt sinngemäß: „Wir warten erst einmal in aller Ruhe ab, was passiert, und darauf reagieren wir dann.“ So etwas Vernünftiges hört man selten.

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