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Martin Delius : „Vielen Dank für die einstimmige Wahl“

Er verglich seine eigene Partei mit den Nazis - und trat anschließend von seiner Kandidatur für den Bundesvorstand zurück. Jetzt ist der Pirat Martin Delius wieder da, einflussreicher denn je. Ein Porträt.

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Martin Delius gilt auch ohne Amt als einer der profiliertesten Piraten – auch über Berlin hinaus.
Martin Delius gilt auch ohne Amt als einer der profiliertesten Piraten – auch über Berlin hinaus.Foto: dapd

Möglicherweise ist er ja der Mastermind der Piratenpartei. Er hat jedenfalls an der parteiinternen Einführung des für die Piraten so wichtigen Meinungs- und Abstimmungsinstruments Liquid Feedback mitgewirkt. Martin Delius ist Programmierer, Physiker, Systemadministrator – also das, was man als klassischen Piratenpolitiker bezeichnen würde. Aber er ist auf jeden Fall auch etwas anderes: leidenschaftlicher Parlamentarier. Wie kaum ein anderer Pirat hat er innerhalb kurzer Zeit die Abläufe, Tricks und Kniffe verinnerlicht. Er kritisiert die Klaviatur, kann aber auch auf ihr spielen.

Und das wird er nun in einer herausgehobenen Position tun. Denn Delius ist nun Vorsitzender des Untersuchungsausschusses des Abgeordnetenhauses, der sich mit der Aufarbeitung des Desasters um den Flughafen BER beschäftigt. Einstimmig wurde er von den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses gewählt, was ihn veranlasste zur Twitternachricht: „Vielen Dank für die einstimmige Wahl. Bei der Opposition für Vertrauen. Bei der Koalition für den zusätzlichen Druck. ;)“ Eine solch herausgehobene Position hatte noch kein Pirat in der jungen Parlamentsgeschichte inne. Delius hat dafür sogar sein Amt als Parlamentarischer Geschäftsführer der Partei aufgegeben.

Das scheint ihm aber nicht schwerzufallen. Der 1984 in Halle geborene Delius hat schon einmal auf etwas verzichtet. Im April 2012 verstieg sich Delius zu einem Vergleich zwischen der Piratenpartei und der NSDAP; der Aufstieg beider Partien sei vergleichbar. Damit löste er einen Sturm der Entrüstung aus, denn die Äußerung fiel zu einer Zeit, als seine Partei von einem „Nazi-Skandal“ zum nächsten eilte. Inhaltliche Vergleiche wollte Delius nicht ziehen, aber in einem Shitstorm haben Differenzierungen kaum eine Chance. Er verzichtete als Konsequenz auf seine Kandidatur für den Bundesvorstand seiner Partei.

Nachhaltig hat das Delius nicht geschadet. Er gilt auch ohne Amt als einer der profiliertesten Piraten – auch über Berlin hinaus. Am 18. März durfte er für seine Partei auch an einem anderen wichtigen Akt teilnehmen. Denn er war zusammen mit seiner Parteikollegin Katja Dathe Mitglied der Bundesversammlung, die Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten gewählt hat. So staatstragend wird der neue Job vielleicht nicht werden, aber am Ende geht es in diesem Ausschuss vielleicht um nichts weniger als die Zukunft des Regierenden Bürgermeisters.

Korrektur: In der ursprünglichen Version des Textes hieß es noch, dass Delius von den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses zum Vorsitzenden gewählt worden sei, er wurde allerdings von den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses gewählt.

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