Meinung : Maß und Anmaßung

Warum ist der Nationale Ethikrat für Präimplantationsdiagnostik und gegen Klonen?

Bernd Ulrich

Warum sind eigentlich alle, außer ein paar medizinischen Sektierern, gegen das Klonen von Menschen? Weil die Technik noch zu riskant ist? Das würde ein Noch-Nicht begründen, aber nicht diese weltweite, grundsätzliche, demonstrative Abscheu. Es liegt beim reproduktiven Klonen auch nicht so etwas vor wie eine ethische Evidenz, warum diese Art der Reproduktion sowieso abzulehnen sei. Je länger man hinschaut, desto schwieriger wird es, philosophische Gründe zu finden, warum ein Mensch sich nicht klonen lassen sollte. Man kann es begründen, auch außerkatholisch – und unser oberster Ethiker, Jürgen Habermas, hat es getan –, aber nicht aus dem Handgelenk. Woher also die einhellige Empörung?

Intuitiv lehnen die allermeisten Menschen das Klonen vor allem deswegen ab, weil eine ungeheure, eine ungeheuerliche Anmaßung darin steckt, seinen eigenen Leib unverändert vererben zu wollen, sich selbst zum unverbesserbaren Vorbild für einen neuen Menschen zu machen. Und das ist es ja auch: Anmaßung in einer bis dato unbekannten Dimension.

Allerdings, und hier beginnt bereits die bioethische Bigotterie, steckt in der Gentechnologie fast immer eine solche Anmaßung. Anmaßend ist es auch, den Menschen durch therapeutisches Klonen oder die Herstellung sowie Zerstörung von embryonalen Stammzellen aufzuspalten in Leben, das verbessert wird, und Leben, das der Verbesserung anderer dient. Die Präimplantationsdiagnostik (PID), über die sich heute des Kanzlers persönlicher Ethikrat beugen wird, maßt sich das auch an. Sie tut aber noch mehr. Wenn das Selektieren von Embryonen nicht auf ganz wenige Erbkrankheiten beschränkt werden kann, dann wird diese Technik auf mittlere Sicht zum Redesign des Menschen beitragen, zu einem sozialen Druck gegen jede biologische Abweichung vom Idealbild.

Bei all diesen Techniken, die unsere Gesellschaft und unsere Ethik viel tiefer verändern können als das eher bizarre Klonen von Menschen, kann von Empörung jedoch kaum gesprochen werden. Offenbar hat die Aufregung um das reproduktive Klonen, dieser Karikatur der Gentechnik, die Funktion der Angstabwehr. Was man bei aller Gen- und Reproduktionstechnik fürchten muss, wird auf diese eine Abart projiziert – und ausgetrieben: So anmaßend wollen wir nicht sein, oder wenn doch, dann wollen wir uns dabei nicht erwischen lassen.

Nur leider: Man kann den Raelianern, diesem italienischen Arzt, den Chinesen oder wem auch immer noch so strikt verbieten, Menschen zu kopieren. Die Gefahr, dass mittels der Gentechnik unser traditionelles, intuitives und ethisch begründetes Bild vom Menschen umgestürzt wird, ist damit alles andere als gebannt. Denn sie hat ganz andere Quellen. Nicht die Ausnahme ist das Problem, nicht die Sekten sind die Gefahr, nicht das Bizarre droht, sondern die Veränderung des alltäglichen Verhaltens, die Neuerschaffung des Menschen von unten.

Insofern verwundert es – und verwundert doch wieder nicht –, dass der Nationale Ethikrat mit Verve gegen das reproduktive Klonen spricht, aber mit Mehrheit für die PID. Wenn das Einpflanzen von Eizellen für die Frauen nicht mehr so peinvoll ist, wenn die Krankheiten und „Krankheiten“ eines Embryos immer besser zu erkennen sind, also bald, dann dürfte die PID zu einem standardisierten Verfahren werden. Zwei Wege bieten sich dem optimierungsbereiten Paar dann an: Entweder man lässt pränatal untersuchen und treibt im Zweifel ab. Oder man lässt gleich mehrere Embryonen ansetzen, sucht sich dann den besten aus und schmeißt die restlichen weg.

Natürlich werden die Befürworter der PID sagen, dass sie genau das nicht wollen, und sie werden Kriterien aufstellen, welche Krankheiten PID-würdig sind und welche nicht. Das jedoch bedeutet, Kriterien dafür zu entwickeln, welches Leben lebenswert ist und welches nicht. Etwa so: Wegen Veranlagung zur Mukoviszidose darf PID sein, wegen vererbter MS-Wahrscheinlichkeit vielleicht, wegen Fettleibigkeit nicht. Damit wäre man dann genau inmitten der Anmaßung, die beim reproduktiven Klonen so lauthals anprangert wird.

Es fällt gewiss niemandem leicht, in den Fragen der Gentechnik eine konsequente Linie beizubehalten, ein richtiges Prinzip auf alle Fälle und Techniken anzuwenden. Und vielleicht wäre das sogar falsch. Doch die billige Empörung über das Klonen wirkt schon etwas verdächtig, wenn man auf der anderen Seite, angeblich um einiger weniger monogenetischer Erbkrankheiten willen, den Weg zum neuen, gewiss viel besseren Menschen öffnet.

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