Meinung : Massaker ohne Täter

Wer ist Schuld an der Explosion auf dem Markt von Bagdad?

Christoph von Marschall

Es fällt schwer, ruhig Blut zu bewahren: Auf einem Markt in Bagdad ist es am Freitagabend zu einem Blutbad gekommen, mehr als 50 Menschen sind – nach irakischen Angaben – an den Folgen gestorben. Das ist der bei weitem schlimmste Zwischenfall seit Beginn des Krieges. Dennoch reagieren die meisten westlichen Medien auffallend zurückhaltend. (In den arabischen dagegen werden das Blut, die Verwundeten und die Leichen immer wieder gezeigt.)

Verhalten ist das Echo nicht, weil das Töten und Sterben in diesem Krieg abstumpfend alltäglich geworden ist. Sondern weil unklar bleibt, was die Ursache war, wer die Schuldigen sind. Vielleicht werden wir das nie erfahren. Dreierlei ist denkbar. Erstens, es war eine amerikanische oder britische Rakete. Zweitens, eine irakische Luftabwehrrakete. Drittens, die Explosion hatte ganz andere Ursachen, und Saddams Regime gibt den USA wider besseres Wissen die Schuld.

Amerikanische Militärs sagen bisher, zum fraglichen Zeitpunkt habe es keinen Angriff gegeben. Womöglich wird das korrigiert; im Kosovo ist derlei geschehen. Bei mehreren hundert ferngelenkten Bomben und Raketen täglich dauert eine zuverlässige Überprüfung. Einen chirurgisch genauen Luftkrieg gibt es nicht. Fürchterliche „Kollateralschäden“ gab es auch im Kosovo und in Afghanistan. Amerika hat sie in der Regel eingeräumt.

Oder war es eine irakische Rakete, die fehlgeleitet wurde oder deren Trümmer auf den Markt stürzte? Auch Abwehrraketen werden in der Regel erst bei einem Angriff eingesetzt.

Die dritte Möglichkeit klingt am verwegensten: Das Regime nutzt eine Explosion – oder führt sie gezielt herbei –, um die Verantwortung den USA anzulasten. Weil das der propagandistischen Kriegsführung dient. Undenkbar? Auch das hat es schon im KosovoKrieg gegeben, sogar mit perfider Steigerung. Diktator Milosevic ließ die Trümmer von Nato-Bomben sammeln und filmen – und schnitt das mit Bildern von Schauplätze mit zivilen Opfern zusammen, um den Eindruck zu erzeugen, die Nato habe albanische Dörfer beschossen. Zuzutrauen wäre es auch Saddam, er hat Tausende Iraker ermordet und vergast.

Um die Wahrheit herauszufinden, hätten unabhängige Experten den Tatort sofort untersuchen müssen – und absichern, damit niemand falsche Spuren legen kann. In Bagdad hat Saddam das Sagen. Und entzieht sich im Gegensatz zu Bush jeder Kontrolle.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben