Meinung : Massenarbeitslosigkeit: Wie viel Mut haben wir eigentlich?

Arbeitslosigkeit ist ein ökonomisches Phänomen, sagen Volkswirte. Eine gesellschaftliche Herausforderung, sagen Politiker. Der größte Skandal des Kapitalismus, sagen Gewerkschafter. Sie alle haben Recht. Doch Arbeitslosigkeit ist mehr: Sie sagt etwas über die Verfassung eines Landes. Der Charakter einer Gesellschaft zeigt sich in der Art, wie sie mit ihren Arbeitslosen umgeht und wie ihre Arbeitslosen mit ihr umgehen. Ob ein Land den Mut hat, sich den Bürgern zu stellen, die ihre Arbeit verloren haben. Oder ob es sich hinter Dauerfürsorge und Überverwaltung verkriecht. Ob die Arbeitslosen von sich aus energisch nach einer neuen Stelle suchen. Oder ob sie sich fallen lassen in dem Bewusstsein, dass sie aufgefangen werden von einem besorgten Gemeinwesen. Ob seine Bürger wirtschaftlich schlechte Zeiten als Herausforderung an ihre eigene Stärke, ihre Zuversicht, ihren Mut erleben. Oder ob sie verzagen und auf "die da Oben" und "die da Unten" zeigen, auf die anderen, die Schuld sind.

Zum Thema Online Spezial: Die Arbeitsamts-Affäre
Hintergrund: Der Reformplan
Umfrage: Sollen Arbeitsämter privatisiert werden? Verglichen mit den meisten unserer europäischen Nachbarn schneiden wir bei dieser Gewissenserforschung ziemlich schlecht ab. 4,3 Millionen Menschen haben keine Arbeit. Die meisten von ihnen werden eine neue Stelle bekommen, irgendwann. Viele aber werden nicht mehr arbeiten dürfen. Einige wollen auch ganz einfach nicht. Nicht, dass das einen großen Unterschied machen würde. Wie in einem Krankenhaus mit seinen verschiedenen Abteilungen gibt es auf dem Arbeitsmarkt Nischen, Spezialabteilungen und beschützende Werkstätten, die den Betroffenen ihr Los erträglich machen sollen. Diese Nischen heißen ABM oder Umschulung, Qualifizierung oder Strukturanpassung. Nur: Meist helfen sie nicht, und sie heilen auch nicht. Im Gegenteil. Die meisten von ihnen machen die Arbeitslosen noch schwerer vermittelbar.

Und doch ist das kein Grund zur Verzweiflung. Nicht mehr. Die Empörung, mit der man auf die Nachricht reagierte, dass Arbeitsvermittler nur noch auf dem Papier vermittelten, gibt Hoffnung. Diese Empörungsenergie zeigt, dass die Öffentlichkeit noch nicht ganz eingelullt ist. Man spürte, dass die Lügen auf dem Arbeitsamt die Lügen auf dem Arbeitsmarkt widerspiegeln: Es gibt zu viele Arbeitslose, denen egal ist, ob sie arbeiten, und zu viele Arbeitsvermittler, denen egal ist, was sie arbeiten, ob sie Arbeit vermitteln oder nur Arbeitslosigkeit und Arbeitsunwillen vertuschen. Aber es gibt ihn noch, den echten Arbeitslosen, der Arbeit will und sie nicht bekommt.

Was nun mit der Reform der Arbeitsvermittlung beginnt, kann ein Erfolg werden. Wenn klar bleibt, dass die Reform der Arbeitsvermittlung nur ein erster Schritt ist. Nicht nur die Arbeitsvermittler müssen wieder lernen, eine ehrliche Arbeit abzuliefern. Auch die anderen müssen aufrichtig werden: die Arbeitsmarktpolitiker, die vor wenigen Tagen noch Reformen versprochen haben und sich nun wieder als Gutmenschen gefallen. Die Gewerkschaften, die über die Arbeitslosigkeit weinen und doch keine beschäftigungsfördernden Tarifabschlüsse mehr wollen. Die Unternehmen, die beim ersten Windhauch Arbeitskräfte gefeuert haben und in wenigen Monaten jammern werden, dass ihnen die richtigen Bewerber fehlen.

Die kommenden Monate bis zur Wahl und die ersten Monate danach werden entscheiden. Darüber, ob wir tatsächlich mehr wollen als Potemkinsche Dörfer, die uns vorgaukeln, dass wieder alles in Ordnung ist. Ob es tatsächlich einen Aufbruch geben wird, der die Verfasstheit in dieser Gesellschaft verändert. Die Arbeitsvermittler. Die Arbeitslosen. Die Arbeitgeber. Die Tarifparteien. Uns.

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