Massenproteste in Brasilien : "Der Gigant ist aufgewacht"

Brasilianer gelten eher als konfliktscheu und apolitisch. Offenbar vollzieht sich gerade im Land ein historischer Wandel. Und die Protestierer fordern eine Menge. Sie wollen nicht nur bessere Bildung und eine bessere Gesundheitsversorgung, sie wollen etwas fundamental anderes.

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Am Sonnabend hat die Polizei das Kongressgebäude in Brasilia gesichert, auf dessen Dach in der vergangenen Woche Demonstranten geklettert waren. Die massiven Sozialproteste gehen in ganz Brasilien unvermindert weiter.Weitere Bilder anzeigen
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23.06.2013 09:32Am Sonnabend hat die Polizei das Kongressgebäude in Brasilia gesichert, auf dessen Dach in der vergangenen Woche Demonstranten...

Am Tag danach erwachte Brasilien erstaunt über sich selbst. Waren wirklich am Montagabend in Dutzenden Städten des Landes mehrere Hunderttausend Menschen auf die Straße gegangen, um für eine bessere Nation zu protestieren?

Das letzte Mal, dass es im Land Massendemonstrationen gegeben hatte, war 1992 gewesen, als es um die Absetzung des damaligen Präsidenten Fernando Collor ging. Doch traditionell galt Brasilien als Land, in dem politische Konflikte nicht auf die Straße getragen wurden. Die Brasilianer wurden als eher konfliktscheu, apolitisch und harmoniebedürftig eingeschätzt. So ahnten auch die Demonstranten am Montag – die meisten Studenten zwischen 20 und 30 Jahre alt –, dass sie gerade Teil eines historischen Wandels sind. Viele trugen Schilder bei sich, auf denen stand: „Der Gigant ist aufgewacht.“

Frühlings- und Occupy-Bewegungen inspirieren die junge Generation in Brasilien

Es hat sich eine Generation zu Wort gemeldet, die inspiriert ist, von den Frühlings- und Occupy-Bewegungen, die in den vergangenen Jahren rund um die Welt entstanden sind. Die Ähnlichkeiten sind offensichtlich: Auch in Brasilien gibt es keine Anführer oder Organisationen, welche die Demonstranten repräsentieren. Auch hier wurden die Menschen über das Internet, insbesondere über Facebook, mobilisiert. Und auch in Brasilien gibt es nicht nur eine Forderung, sondern Tausende: Sie reichen von einer gerechteren Indianerpolitik über eine bessere Verteilung des Wohlstands bis hin zur schärferen Verfolgung korrupter Politiker.

Entzündet hatten sich die Proteste vor einer Woche an der Fahrpreiserhöhung für Busse um 20 Centavos (etwa zehn Cent). Die Medien, allen voran der mächtige Globo-Konzern, versuchten die Demonstranten sofort ins Lächerliche zu ziehen: Was sind schon 20 Centavos? Nun antworteten die Protestierer: „Wir haben den Wert eines Tropfen Wassers entdeckt! – 20 Centavos.“ Sie meinten den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

WM-Stadien im Bau
In Stadion von Brasilia ist der Rasen ist immerhin schon da. Und auch die Tore stehen. Es geht voran in Brasilien im Hinblick auf die WM 2014, wenn auch nur langsam.Weitere Bilder anzeigen
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05.01.2013 14:24In Stadion von Brasilia ist der Rasen ist immerhin schon da. Und auch die Tore stehen. Es geht voran in Brasilien im Hinblick auf...

Brasilien: Die Bevölkerung leidet unter der hohen Lebenshaltungskosten

Denn die Lebenshaltungskosten und Abgaben, welche die Brasilianer insbesondere in den Städten zahlen, sind enorm hoch und angesichts der Qualität der Gegenleistungen eine Unverschämtheit. Viele fragen sich vollkommen zu Recht, wozu sie Steuern zahlen, wenn man in Krankenhäusern fünf Stunden warten muss. Oder warum das öffentliche Bildungssystem so schlecht ist, dass viele Schulabgänger nicht richtig schreiben können. Dass der Staat gleichzeitig für die Vorbereitung der Fußball-Weltmeisterschaft Milliarden Euros bereitstellt, empfinden viele als Affront.

Die machtlose Präsidentin Dilma Rousseff – sie hat es mit einem konservativen, von Partikularinteressen dominierten Kongress sowie oftmals korrupten Landesregierungen zu tun – ging am Dienstag vor die Presse und sagte, dass ihre Regierung Millionen aus der Armut geholt habe und dass die Mittelschicht in Brasilien seit Anfang des Jahrtausends so stark gewachsen sei wie nie zuvor. Auch das ist richtig. Den Preis, den ihre Regierung nun zahlt, ist, dass die Jungen mehr wollen. Nicht nur mehr Bildung und Gesundheit. Sondern auch mehr Mitsprache und Demokratie.

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