Meinung : Massenschlachtung: Die Krise erfordert Kaltblütigkeit

Alexander S. Kekulé

Nach einem Jahrzehnt der Verdrängung beginnt die Politik nun endlich, das BSE-Problem bei den Hörnern zu packen: Gehirn und Rückenmark sollen ganz aus der Nahrung verschwinden, auch das unappetitliche "Separatorenfleisch" darf nicht mehr in die Wurst. Vielleicht werden sogar T-Bone-Steaks verboten. Rinderfett zur Tiernahrung muss bei drei Bar Druck mit 130 Grad Celsius gekocht werden, um eventuelle BSE-Erreger restlos abzutöten. Schlachtrinder werden in Deutschland bereits ab 24 Monaten auf BSE getestet, sechs Monate früher als bisher. Wenn ein einziges Tier positiv ist, muss die ganze Herde sterben. Schließlich soll Etikettenschwindel bei Lebensmitteln demnächst streng bestraft werden, statt als Kavaliersdelikt durchzugehen.

Die Maßnahmen sind vernünftig und schon seit langem überfällig: Bei konsequenter Umsetzung bestehen sogar gute Chancen, den Rinderwahn in ein paar Jahren zu besiegen. Derzeit geschieht jedoch das Unglaubliche, wenn auch nicht ganz Unerwartete: Die Gegner der konsequenten Seuchenpolitik formieren sich zur Gegenwehr.

Je nach Interessensgruppe machen sie Stimmung gegen die eine oder andere, angeblich überzogene Maßnahme: Die Schlachthöfe wollen mehr Zeit, um sich auf die Abtrennung von Risikomaterial vorzubereiten - währenddessen beschwert man sich in Großbritannien, wo die Abtrennung seit Jahren vorgeschrieben ist, bereits über Rückstände von Rückenmark in deutschem Importfleisch.

Die deutsche Fleischindustrie wehrt sich erfolgreich gegen eine Nennung der Wursthersteller, die Rindfleisch falsch etikettiert haben. Obendrein hat sie durchgesetzt, dass die Aufschrift "BSE-getestet" wieder benutzt werden darf - eine glatte Irreführung des Verbrauchers: Die meisten Rinder werden im Alter von 18 bis 22 Monaten geschlachtet. Die üblichen BSE-Schnelltests reagieren jedoch frühestens ab 30 Monaten zuverlässig. Deshalb dient die von der Bundesregierung beschlossene Herabsetzung des vorgeschriebenen Testalters auf 24 Monate in erster Linie der Erkennung potenziell infizierter Herden - "BSE-getestet" bedeutet keineswegs "BSE-frei".

Am heftigsten gestritten wird jedoch um die vorgeschriebene Keulung des ganzen Bestandes, wenn bei einem einzigen Rind BSE nachgewiesen wurde. Das traditionell gegen Rinderwahn offenbar besonders resistente Bayern favorisiert stattdessen die "Kohorten-Lösung", bei der nur der Geburtsjahrgang des infizierten Tieres getötet wird.

Das ist Wasser auf die Mühlen der Landwirte und Tierschützer in Sachsen-Anhalt, die weiter gegen die angelaufene Massentötung von über 1000 Rindern protestieren. Sie argumentieren damit, dass bei Herdentötungen nur selten weitere BSE-Rinder gefunden wurden. Falls die Testergebnisse der am vergangenen Wochenende gekeulten 350 Tiere negativ sind, bekommt die Diskussion um die Fortsetzung der Tötungsaktion noch einmal kräftig Zündstoff. Tatsächlich ist die Tötung der ganzen Herde eine Verzweiflungstat in Ermangelung rationaler Alternativen. Bei Schafen wird das mit BSE verwandte Scrapie durch Fressen der Nachgeburt und wahrscheinlich auch durch Fliegenmaden und verseuchte Wiesen innerhalb der Herde übertragen. Auch Kühe fressen ihre Nachgeburt, allerdings scheint diese nach bisherigen Untersuchungen nicht infektiös zu sein.

Da auch natürlich ernährte Rinder BSE bekommen können, muss es jedoch außer der Verfütterung von Tiermehl weitere Infektionswege geben. Glücklicherweise sind diese offenbar weniger effizient als bei Schafen, so dass nur einzelne Tiere betroffen sind. Solange jedoch nicht aufgeklärt ist, wie sich Rinder innerhalb einer Herde infizieren können, bleibt die Keulung des gesamten Bestandes die einzige Option.

Die noch vorhandenen Wissenslücken dürfen nicht dazu verleiten, vernünftige und notwendige Maßnahmen in Zweifel zu ziehen. Es gilt, mit allen Mitteln zu verhindern, dass aus der Krise der Landwirtschaft eine für Menschen tödliche Epidemie wird. Statt dem - emotional verständlichen - Herz für Tiere ist die kühle Kalkulation von Risiken gefragt - und manchmal leider eine Portion Kaltblütigkeit.

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